Full text: Hessenland (8.1894)

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versicherte, er werde den Spuck entlarven, aber die 
besten Nasen versagten ihren Dienst. Verzweiflungs 
voll lag Maienschein über seiner Arbeit, mit dem 
Taschentuch sich Nase und Mund verstopfend, so 
daß ihm kaum die allernöthigste Luftzufuhr blieb, 
als wiederum Dornenblüth mit treuherzigem und 
theilnahmevollem Gesichte erschien. Er blieb in 
der Thür stehen und hob sein Geruchsorgan witternd 
in die Höhe. 
„Wahrhaftig, heute ist es noch auffallender," 
bemerkte er. „Es ist doch gut, daß ich nicht mit 
Dir getauscht habe, denn hier würde ich es kaum 
aushalten können." 
„Ich werde noch verrückt," murmelte Maien 
schein dumpf. 
„Und was das Aergste ist, der gute Käse ver 
dirbt," meinte Dornenblüth. 
Maienschein warf ihm einen giftigen Blick zu: 
„Hütte ich den Menschen, mit meinen Händen 
wollt' ich ihn erwürgen." 
„Du gehst zu weit," warf Dornenblüth ein. 
„Was würden Deine betagten Eltern sagen, wenn 
Du zum Mörder würdest um eines Käses willen 
und anscheinend noch dazu eines Limburgers!" 
„Was soll ich nur machen!" rief Maienschein 
nun wieder in heller Verzweiflung. „Meine Arbeit 
rückt nicht von der Stelle, ich werde nicht fertig, 
ich bin blamirt, unglücklich." 
„Wer wird denn gleich den Kopf verlieren," 
sagte Dornenblüth tröstend. „Komm, wir wollen 
nochmals den Versuch machen, des Unthiers habhaft 
zu werden." 
Obwohl Maienschein im Innern von der Schuld 
seines Zimmernachbars überzeugt war, fügte er sich 
dem Vorschlage. Sie gingen prüfend durch das 
Zimmer und berochen alle Gegenstände. 
„Hier, rieth Maienschein," auf den Spiegel 
deutend. 
„ Gott bewahre!" gab Dornenblüth zurück. „ Ihr 
Rechtsverdreher habt feine Nasen, aber sie sind 
nicht naturwissenschaftlich gebildet." 
Und er setzte seinen Gang durch das Zimmer- 
fort, erst anscheinend planlos, dann langsam aber 
in einer bestimmten Richtung vorgehend und zwar 
auf das Stehpult zu. 
„Hier muß es sein," sagte er mit großer Sicher 
heit, als er in dessen Nähe angekommen war. 
Und er unterzog es einer genauen Inspektion, 
doch ohne befriedigendes Ergebniß. 
„Es ist nichts," jammerte Maienschein. 
„Doch, doch! Es muß. Hat das Pult eine 
Schublade?" 
„Ja!" Sie wurde geöffnet und war leer. 
Jetzt kniete Dornenblüth auf die Erde nieder und 
steckte den Kopf unter das Pult. 
„Heureka! Hier ist er! Wußte ich's doch!" 
„Wo?" fragte Maienschein. 
„Hier unter dem Pult! Nimm geschwind das 
Schreibzeug herunter." 
Mit fieberhafter Eile that Maienschein das Ge 
heißene, und Dornenblüth erhob sich, indem er zu 
gleich das Pult in die Höhe nahm und auf den 
Kopf stellte. 
„Da ist er!" rief er triumphirend, und zeigte 
dem Freunde das oorpus delicti, einen etwa halb- 
pfündigen Limburger Käse, der kunstgerecht dort 
festgenagelt war. „Welche Verschwendung! die Hälfte 
hätte es auch gethan!" fügte Dornenblüth hinzu. 
Maienschein warf einen langen, vielsagenden 
Blick auf den Freund, aber Dornenblüth verlor 
seinen unerschütterlichen Ernst nicht, und der schwer 
geprüfte Zimmerbewohner war schließlich froh, 
daß die Pesthöhle entdeckt war. Er schwieg. 
„Siehst Du, das hast Du mir zu verdanken," 
meinte Dornenblüth bedeutungsvoll. „Nun lüfte aber 
das Lokal, sonst mußt Du noch Gewerbesteuer für 
Käshandel bezahlen!" Und er ging von dannen. 
In der Nacht aber ward Maienschein durch den 
Zuruf des Freundes geweckt. „Was ist denn?" 
fragte er. 
„Meinst Du nicht auch, der Mensch, der Dir 
den Käse angesetzt hat, versteht sich besser auf's 
Kasperstellen, als der Stümper, der bei mir sich 
dann und wann einstellt?" 
„Hol' ihn der Teufel!" knurrte Maienschein 
und drehte sich im Bette herum. 
Jbr Icug drs Todks. 
Zum Hades geht's, in's Schattenreich! 
Ich rief — sie folgten allsogleich. 
Ich bin der Herr der ew'gen Nacht — 
Die größte Gottesgnaden macht. 
Und mein gewaltig Schattenheer 
Ist größer als der Saud am Meer. 
Sie flohen aus dein Hochzeitssaal 
Und standen auf vom Festesmahl, 
Sie ließen Pflicht und Spiel und Tanz — 
Die Dornenkron' — den Mhrthenkranz. 
Sie kamen in der Unschuld Schein 
Und sündenvoll aus Krankheitspein. 
Mit Lächeln kam der Eine her, 
Der And're müd' und sorgenschwer.
        

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