Full text: Hessenland (8.1894)

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* das Zimmer zu durchschnüffeln, aber leider ohne 
jeden Erfolg. 
Dann und wann glaubte er die Quelle des 
Unheils entdeckt zu haben, doch stets erwies sich 
seine Hoffnung als trügerisch. Resignirt stellte er 
sich wieder an sein Pult. Er wußte natürlich, oder 
er glaubte es wenigstens fest, daß er es mit einem 
Racheakt des von ihm so lange gequälten Freundes 
zu thun hatte, allein er hielt es doch für besser, 
seinen Verdacht bei sich zu behalten. Nach einer 
Weile jedoch stürzte er mit einem Fluche von seinem 
Stehpult und öffnete beide Fenster. Die kalte Winter 
luft drang von zwei Seiten ein und der dadurch 
bewegte Gegenzug verschaffte der gepeinigten Nase 
Maienschein's eine kurze Schonzeit. Doch die Fenster 
durften nicht lange geöffnet bleiben, sollte nicht der 
letzte Rest der behaglichen Wärme entfliehen. Und 
der Unglückselige hatte noch nicht zehn Minuten 
seinen Platz wieder inne, als die entsetzliche Plage 
sich von neuem bemerkbar machte. Wieder unter- 
nahnl er eine Expedition durch den Raum nach 
dem heillosen Urheber des Geruches; er zog die 
Schubladen der Kommode auf, durchwühlte den 
Waschtisch und den Kleiderschrank, alles vergeb 
lich ! Der Lärm, den er dabei verursachte, war 
derart, daß Dornenblüth sich schließlich veranlaßt 
fand, seine Arbeit zu unterbrechen und nachzusehen. 
Er fand seinen Freund Maienschein, wie er eben 
einen Stuhl erklettert hatte und sich mit weit vor 
gestreckter Nase über den Kleiderschrank beugte, 
um in den dahinter befindlichen leeren Raum 
hinunterznriechen. 
„Was Teufel machst Du denn da?" fragte 
Dornenblüth unschuldig. 
„Was ich mache?" knirschte Maienschein, „ich 
suche diesen Zimmerverpester." 
„Wollen wir nicht den Schrank einmal abrücken?" 
rieth Dornenblüth. Maienschein sah ihn an, aber 
aus dem undurchdringlichen Gesicht war nichts 
herauszulesen. 
„Meinetwegen," brummte er, und sie schoben 
den Schrank in das Zimmer. Aber sie fanden 
nichts. 
„Wahrhaftig, hier sieht es aus, als ob man Dir 
den schönsten Kasper gestellt Hütte," meinte Dornen 
blüth mit einem Blick auf die fürchterliche Unord 
nung, die Maienschein in seiner Verzweiflung an 
gerichtet hatte. 
Dieser erwiderte nichts, und Dornenblüth verließ 
ihn, um einen Spaziergang zu machen. 
Als er zurückkehrte, war Maienschein ausgegangen, 
und erst in der Nacht vernahm er mehrmals dessen 
halblaute Verwünschungen, ein Beweis, daß der un 
heimliche Geist des Nebenzimmers immer noch nicht 
gebannt war. 
Der nächste Tag brachte Maienschein neue 
Qualen. Er glaubte, nachdem er eine längere 
Riechenquete veranstaltet hatte, daß der Geruch 
gerade aus der Wand komme, an der sich sein 
Stehpult befand. Also packte er das letztere kurz 
entschlossen und verpflanzte es in die entgegen 
gesetzte Ecke des Zimmers. Aber es schien fast, 
als sei es hier noch viel ärger. Wieder wurde 
ein neuer Platz aufgesucht und wiederum erwies 
sich die Flucht als zwecklos. Schließlich durch 
zog der Unglückliche immer mit seinem Stehpult 
das ganze geräumige Zimmer, doch ob er in dieser 
oder jener Ecke, hier oder dort an der Wand, 
am Fenster oder an der Thür oder in der Stuben 
mitte seinen Aufenthalt nahm, immer blieb der 
entsetzliche Feind in seiner nächsten Nähe. Der 
Rumor, den Maienschein dabei verführte, lockte 
denn schließlich auch unsern Dornenblüth herbei. 
„Was machst Du denn nun wieder?" fragte 
er, als er den Freund dicht am glühenden Ofen 
placirt fand. Maienschein hielt sich mit der einen 
Hand die Nase zu, mit der anderen schrieb er 
verzweiflungsvoll seine Gedanken über das römische 
Recht nieder. Ach! diese Gedanken waren dem 
Wahnsinn nahe! 
„Nichts!" sagte er wüthend, „ich verkomme in 
diesem Käsladen." 
„Jetzt riecht man's allerdings recht deutlich," 
gab Dornenblüth zu, „viel besser als gestern." 
„Merkwürdig, daß Du's riechssi" antwortete 
Maienschein grimmig. 
„Es riecht gar nicht schlecht," fuhr der Freund 
mit der ihm eigenen Milde des Urtheils fort. 
„Nun, wenn es Dir am Ende gar angenehm 
ist," schrie Maienschein, „so setz' Dich hierher und 
überlaß' mir Deine Bude!" 
Einen Augenblick überlegte Dornenblüth, dann 
sagte er indeß: „Ich danke, weißt Du, es ist meine 
Sorte nicht." Und wieder verließ er das Zimmer, 
um den üblichen Ausgang 31t machen. 
Am dritten Tage schien sich das Trauerspiel 
wiederholen zu sollen. Maienschein hatte allerlei 
Riechsubstanzen mitgebracht, die aber sämmtlich als 
unwirksam sich erwiesen; der gespenstische Käse blieb 
auf der ganzen Linie Sieger. Inzwischen war das 
Gerücht von der geheimnißvollen Geschichte in den 
verschiedensten Variationen in der Stadt verbreitet 
worden. Im Hause der Frau Regierungsräthin 
Noppler, deren Töchterchen Herr 8tuä. Maienschein 
sehr energisch den Hof machte, flössen bittere Thränen 
aus schönen Augen, als die junge Dame von einer 
„guten Freundin" die Kunde vernahm, ihr Verehrer 
sei tiefsinnig geworden und suche seit drei Tagen 
einen Käse. Neugierige und mitleidige Kommilitonen 
stellten sich zahlreich bei Maienschein ein; Jeder
        

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