Full text: Hessenland (8.1894)

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nur sorgsam bedacht, bei seiner Heimkehr beide 
Augen offen zu halten, um nicht in irgend eine 
ihm gelegte Falle zu tappen. Mit großem Gleich- 
muthe stellte er die Stühle, die in einer kühnen 
Pyramide, oben von der Lampe bekrönt, auf dem 
Tisch sich aufgestellt fanden, an ihre alten Plätze, 
und ordnete ebenso die Bücher, die mit Konsequenz 
die wunderlichsten Verstecke sich ausgesucht hatten. 
Behutsam entfernte er aus den Taschen seiner 
Kleider Back- und Pflastersteine, die darin Unter 
kunft gefunden hatten. Wenn er die Fenster 
flügel mit sammt der Thür aus den Angeln 
gehoben fand, so erregte das nicht im geringsten 
seinen Zorn, sondern er brachte sie schweigend an 
den richtigen Platz zurück. Seine Pantoffeln ent 
deckte er in den unglaublichsten Situationen, ohne 
darüber zu grollen, und selbst als er sie eines 
Abends nach längerem fruchtlosen Suchen an der 
Wand unmittelbar unter der Zimmerdecke an 
genagelt fand, so daß er, um ihrer habhaft zu 
werden, eine förmliche Barrikade erbauen und 
eine Zange in Anwendung bringen mußte, bewahrte 
er seinen stoischen Sinn. Sein Bett pflegte er 
jeden Abend gründlich zu untersuchen und die 
härtesten Gegenstände, als Stiefelknecht und 
Konversationslexikon, Wasserflasche und Renommir- 
pfeife, Deckelglas und Rappier daraus zu entfernen. 
Alles das that er mit der vollkommenen Ruhe 
eines Weisen; nie hätte er sich auch nur zu einem 
Ausrufe des Unwillens hinreißen lassen, wußte 
er doch, daß sein Freund Maienschein, des kostbaren 
Schlafes sich beraubend, nebenan halbe Nächte 
lauschte, um einen Wuthausbruch des gequälten 
Nachbars zu vernehmen. Im Gegentheil: als er 
wieder einmal eines abends geduldig verschiedene 
Geräthe seines Zimmers aus den allerseltsamsten 
Lagen befreit und sich dann in's Bett gelegt hatte, 
schlug er ein Helles Gelächter auf, das natürlich 
von stuck. Maienschein vernommen ward. 
„Worüber lachst Du denn so?" fragte der 
Letztere in neugierigem Aerger. 
„O, ich lache über den Esel, der sich einbildet, 
er könne einen richtigen Kasper stellen," antwortete 
Dvrnenblüth vergnügt. „Solltest Du den thörichten 
Menschen zufällig einmal sehen, so sage ihm doch, 
er solle seine kümmerlichen Studien auf diesem Ge 
biete erst etwas vervollkommnen, ehe er sich in die 
Praxis wagt. Es fehlt ihm offenbar am nöthigen 
Spiritus ouspsr." 
Maienschein, war über das Gehörte so wüthend, 
daß er gar nichts erwiderte, sondern sich zum Ein 
schlafen anschickte.^ Es dauerte richtig ^ auch drei 
Tage lang, ehe er es wieder riskirte, das Zimmer 
seines Freundes in der von ihm beliebten Weise 
zu arrangiren. Allein, obwohl er seine ganze 
reiche Erflndungsgabe aufbot, erzielte er nicht den 
gewünschten Erfolg, denn auch diesmal ertönte 
statt des gehofften Wuthschreis ein Laut aus 
gesprochener Heiterkeit. 
„Was lachst Du nun wieder?" fragte Maien 
schein mürrisch, „Du störst mich ja im Schlafe!" 
„Das thut mir leid," versetzte Dornenblüth, 
„aber ich lache über den geistig offenbar sehr 
zurückgebliebenen Kaspersteller. Der Kerl wird 
anscheinend immer dümmer. Jetzt steckt er meinen 
Schlafrock in den Ofen, anstatt ihn wenigstens 
zum Fenster hinaus zu hängen." 
Mittlerweile war aber die ckira uoeessitas des 
Ochsens auch an den stuck, zur. Maienschein 
herangetreten; es dauerte nicht lange, so lag auch 
er Tag und Nacht über den Büchern und gönnte 
sich nur eine karg bemessene Zeit zum Ausgehen. 
Und jetzt, als er begann eine Arbeit aus dem Ge 
biete des römischen Rechtes in die Reinschrift zu 
übertragen, nahte für Dornenblüth die geduldig er 
wartete Gelegenheit, alle die erhaltenen Freund- 
schastsbeweise mit Zinsen heimzuzahlen. 
Eines schönen Nachmittags befanden sich beide 
eifrig studirend in ihren Zimmern, als Dornenblüth 
plötzlich nebenan ein kräftiges „Pfui Teufel!" ver 
nahm. 
„Was ist denn los?" fragte er sehr ruhig. 
„Pfui Teufel, hier riecht es nach Käse!" gab 
Maienschein zur Antwort. 
Ein sonniges Lächeln breitete sich über Dornen- 
blüth's Gesicht, doch seine Stimme verrieth nichts 
von der Heiterkeit seines Innern. 
„Nun, das ist doch nichts Schlechtes." meinte er, 
„im Gegentheil, ich halte Käse für ein sehr wohl 
schmeckendes Nahrungsmittel. Außerdem ist er sehr- 
gesund — fünfundzwanzig Prozent Eiweiß und 
mehr." 
Drüben ward es wieder still, man hörte Maien- 
schein's Feder über das Papier gleiten. Plötzlich 
ein neuer Ausruf des Abscheues: 
„Das ist ja pestilenzialisch! Das kann ich nicht 
aushalten! Wo kommt der Gestank nur her?" 
„Du täuschest Dich wohl," meinte der Nachbar. 
„Vielleicht hast Du auch den Dessertkäse in der 
Zerstreuung in die Tasche gesteckt." 
„Dummes Zeug, ich habe ein Stückchen Schweizer 
käse gegessen, aber hier riecht es, als ob irgendwo 
ein Zentner Limburger steckte." 
„Wer wird Dir wohl bei den schlechten Zeiten 
einen Zentner Limburger verehren! meinte Dornen 
blüth skeptisch. „Das ist sehr unwahrscheinlich." 
Inzwischen begann Maienschein Forschungen nach 
dem Aufenthaltsort des niederträchtigen Käses anzu 
stellen. Er verließ sein Stehpultchen und fing an,
        

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