Full text: Hessenland (8.1894)

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Schlüssel des Rätsels bietet, zeigt eine neuere 
Fassung, die O. Böckels uns nach einer Auszeichnung 
vom 16. Februar 1880 aus Launsbach bei Gießen 
bringt. Auch hier hat das schwarzbraune Mädchen 
sein dämonisches Wesen ganz abgelegt. Hier wird 
das Mädchen durch die Hunde geschreckt, die ihm 
auch (wie angebeutet wird) den Tod bringen: 
„Ach deine schlimmen Hunde, die kenn' ich gar zu gut, 
Und daß ich heut' noch sterben muß, das weiß ich ja schon." 
Die Richtigkeit unserer Erklärung aber, die auf 
der Interpretation von „mein Grab" beruht, wird 
auch durch diese moderne Fassung bestätigt: 
„Es wuchs sich eine Nelke wohl auf dem meinen Grab, 
Da kam der stolze Jäger und brach sie mir ab." — 
Im übrigen müssen wir hier noch an einen 
sinnigen Zug der Volksdichtung erinnern, der wohl 
auch bei dem behandelten Liede mitspielen dürste. 
Die Volkspoesie läßt häufig, wie wir dies auch in 
der Litteratur der anderen abendländischen Völker 
7 ) Deutsche Volkslieder aus Oberhessen, gesammelt von 
Or. Otto Böcke l (Marburg 1885), S. 47. 
beobachten können, die Seelen der Verstorbenen als 
Baum oder Blume aus dem Grabe erblühen. So 
erwächst aus dem Grabe eines Gemordeten nach 
einem esthnischen Volksliede eine Birke, woraus 
eine Harfe verfertigt wird. Ein Volkslied ^) aus 
dem „Kuhländchen singt: 
„Eh wenn ich lo das weane sto, 
Will ich liever ouff de Wagschad göhn; 
Diett will ich zu einer Feldblume wün." — 
Ein anderes Volkslied, dessen älteste Auszeichnung^) 
(1771 im Elsaß) von Goethe stammt, schließt 
mit der tiefsinnigen Strophe: 
„Man legt den ritter zu ir in sarg, 
Begrub sie wol unter die linde; 
Da wuchsen nach drei vierteljaren (!) 
Auf irem grab drei lilien." — 
8 ) Me inert, Alte teutsche Volkslieder in der Mund 
art des Kuhlnndchens (1817), S. 385. — 
9 ) Altdeutsches Liederbuch. Gesammelt und erläutert 
von F. M. Böhme (Leipzig 1877), Nr. 69, S. 154—155. 
— Vgl. auch bes. O. Böckela. a. O., Einleitung, 
S. LXXIX, CL. — 
Mein Onkel Georg. 
Von Frid 
r war keine Leuchte der Wissenschaft, und 
er hat sich auch nicht einen Nachruhm durch 
wohlthätige Stiftungen schaffen können, und 
ebenso wenig ist ihm der Lorbeer des Künstlers zu 
Theil geworden, dennoch möchte ich behaupten, daß er 
in gewissem Sinne mehr geleistet hat als manche 
Heroen des Geistes, der Menschenliebe und 
der Kunst. Er war ein schlichter Lehrer und 
unterrichtete die Schüler des Gymnasiums zu 
Rinteln nur im Rechnen, Schönschreiben und 
Zeichnen. Letzteres war ihm die liebste Unter 
richtsstunde. 
Mir ist nur wenige Male vergönnt gewesen, 
ihn auf kurze Ferienwochen in meinem Elternhause 
zu sehen. Ich habe ihn aber lieb gewonnen am 
ersten Tage, da mich kleines Ding seine schönen 
braunen Augen so herzgewinnend anschauten, und 
er uns im Dämmerlicht Abends den „Reineke Fuchs" 
erzählte. Die kleinen Brüder hielt er aus den 
Knieen, während seine Hand schmeichelnd über 
mein Blondhaar glitt. Seit diesem Augenblick 
liebte ich ihn mit kindlicher Begeisterung. Er 
a Storck. 
hatte eben ein Herz, so weich und gut, wie ein 
Kind, obgleich ihm das Leben so wenig von allen 
Hoffnungen der Jugendzeit erfüllt hatte, daß 
manch' Anderer darüber in bitterem Groll, mit dem 
Geschick hadernd, seine Tage verbracht hätte. 
Eben diese gemüthsheitere Kindlichkeit gewann 
ihm auch die Herzen seiner Schüler. Ob er es 
dabei an der bei halbwüchsigen wilden Buben 
dringend gebotenen Strenge fehlen ließ, bezweifle 
ich, denn seine freundlichen Augen konnten auch 
recht ernst und mahnend blicken. Jedenfalls hörte 
ich von vielen seiner ehemaligen Schüler, daß sie 
ihm herzlich zugethan waren. Dasselbe gilt von 
den Lehrern, die mit ihm an der Ausbildung der 
Jugend schafften. 
Fast zwei Menschenalter waltete er ununter 
brochen gewissenhaft und freudig seines Amtes. 
Am 31. Oktober 1867, da das Gymnasium sein 
fünfzigjähriges Bestehen feierte, waren es auch fünfzig 
Jahre, daß der damals 22jährige Lehrer fein Amt 
angetreten. All' die Anderen, die mit ihm ihre 
Thätigkeit an dem neuen Lehrinstitut begonnen hatten,
        

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