Full text: Hessenland (8.1894)

„Ich kann nicht mehr, ich will nicht fort — 
Mein Messer trieft vom Königsmord — 
Die Nacht ist kalt — mit starker Faust 
Packt mich die Schuld — mir graust — mir 
graust — 
Der Wind, der Wind weht schaurig." 
Sie reißt entzwei ihr Purpurkleid, 
Es glänzt und gleißt ihr Goldgeschmeid, 
Es glänzt und gleißt der junge Leib, 
Und lächelnd harrt das schöne Weib, — 
Sie schlingt um seinen Hals den Arm, 
Sie küßt mit Lippen roth und warm, 
Er fühlt den Hauch von ihrem Mund, 
Er fühlt sein Herz zu Tode wund. 
Sie fleht so süß, sie lockt so heiß, 
In ihren Augen glänzt das Weiß ... 
„Ach, daß ich Dich liebte, sündiges Weib — 
Verloren, verloren Seel' und Leib!" 
Eiil geller Schrei durchhallt den Schacht . .. 
Dann wieder tvdtenstille Nacht, 
Der Schnee nur wirbelt noch vom Riff 
Ilnd oben tönt ein Geierpfiff, 
Und der Wind, der Wind weht schaurig. 
Hcorg Edward. 
Aus ulter und neuer Jett. 
Die tapfere Haltung der Hessen anno 1792 
uub in den folgenden Jahren ist stets von Freund 
und Feilld anerkannt worden. Damals, als der 
soldatische Geist in Deutschland im Rückgänge 
begriffeil und insbesondere die Armee Friedrichs 
des Großen verzopft und verknöchert war, leuchteten 
die Hessen in den Feldzügen gegen Frankreich 
durch ihre glänzenden militärischen Eigenschaften 
hervor. Ein gewiß kompetenter Beurtheiler, der 
preußische General Valentini, nannte die Hessen 
von 1792 „ein mitten im Verfall der deutschen 
Truppen stehengebliebenes Musterbild." Sie hatten, 
wie er sagt, den meisten Soldatensinn und über 
trafen darin die Preußen. Als General van Helden 
in Frankfurt gefangen genommen worden war, 
zollte er in seiner dienstlichen Schrift der Tapferkeit 
seiner Feinde die höchste Anerkennung. Er nannte 
sie „über alles Lob erhaben" :md schrieb: „Sie 
(die hessischen Truppen) wahrten in ausgezeichneter 
Weise den Ruhm ihrer Waffen und entfalteten 
vor den Augen Europas jene Kraft und jenen 
Charakter, die in der römischell Geschichte den 
Widerstand bezeichnen, den die Chatten, ihre Nor- 
sahren, den Besiegern des Erdkreises entgegen 
setzten." — Bekanntlich wurden bei Nauheim von 
Honchard einige hessische Offiziere und Soldaten 
nach heldenmüthiger Gegenwehr gegen eine vier- 
134 — 
zehnfache Uebermacht gefangen. Der „Göttinger 
Revolutionsalmanach" von 1794 berichtet dazu: 
„Custine kündigte den Offizieren selbst in fran 
zösischer Sprache die Freiheit an; „wir sind deutsche 
Offiziere, sagten sie, wir sprechen kein Französisch!" 
ilnd der Franken-General mußte sich herablassen 
Deutsch mit ihnen zu reden. Bei den Gemeinen, 
wurden alle Jakobinerkniffe der Untreue und Ab 
spannung versucht, aber vergebens. „Wir sind 
Hessen, gaben die ehrlichen Krieger zur Antwort, 
und bleiben Hessen." Dieselbe Zeitschrift theilt 
nach der Eroberung Frankfurts mit: „Ein Kaiser 
licher Offizier, der durch Frankfurt reiste, umarmte 
einen Hessischen Grenadier aus der Straße, „laß 
Dich umarmen, Kamerad! Du bist der erste von 
den braven Hessen, den ich zu Gesicht bekomme! — 
Der alte Jahn, bekanntlich ein Anhänger des 
Einheitsstaates und ein Gegner der „Bölkleinerei", 
wie er sich ausdrückt, schrieb doch in der Vorrede 
zu seinem „Volksthum" über unser engeres Vater 
land : „Hessen, schon gegen Römer das Deutsche 
Vorland, wäre wahrscheinlich auch in den 
Revolutionsjahren Deutschlands Rettungsvolk ge 
worden, hätte es so viele Millionen gezählt, als 
Hunderttausende; oder nur zwischen Main und 
dem Westerwald am Rhein eilte feste Grenze 
gehabt." — a.— * 
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns: An 
die Hessen, die im Ausland wohnen, möchte ich 
eine Mahnung richten. So fest und treu der 
Hesse an seiner Heimath hängt, so unterläßt er 
es doch oft, dieses sein Heimathgesühl nach außen 
hin zu bethätigen. Vielleicht aus Lässigkeit, viel 
leicht auch, weil er fürchtet, daß man ihm den 
Vorwurf des „Partikularismus" mache. Ich finde 
nun, was letztern Punkt angeht, nichts schöner 
und gerade der nationalen Sache dienlicher, als 
die Stammesgemeinschaft und die Liebe zum 
engern Vaterlande zu pflegen. Wenn sich — wie 
das ja erfreulicher Weise geschehen ist — in 
Berlin unsere hessischen Landsleute zusammenthnn, 
um die Erinnerung an die alte Heimath wach 
und stark zu erhalten, so ist das echt deutsch und 
verdient alles Lob. Sollte aber selbst einmal Einer 
darüber spotten, so verschlägt das nichts und wir 
können es ihm heimgeben. Denn wir schämen 
uns unseres Hessenthums nicht, auch nicht, wenn es 
klein und arm und rauh gescholten wird, so wenig 
wir uns unserer Eltern schämen würden, wenn sie 
etwa in Niedrigkeit und Armuth gelebt Hütten. 
Auch politische, religiöse und gesellschaftliche Unter 
schiede sollten kein Hinderniß bieten, bieten es 
auch in der That nicht, denn die Fremde rückt 
uns näher und selbst ein Regierungsrath fühlt
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.