Full text: Hessenland (8.1894)

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burgs Ankunft gesagt, „unter vierzehn Tagen 
gebe ich Dich also nicht wieder los," und als 
das Mädchen hatte Einwendungen machen wollen, 
war sie zornig geworden: „Meinst Du etwa, 
mein Peter verstände nichts vom Reisen? lind 
der sagt, in vierzehn Tagen kämst Du ebenso 
gut nach Amerika wie übermorgen, er werde 
schon für alles sorgen." Da hatte sich Engel 
burg gefügt, ja sie hatte noch am ersten Abend 
ihrer Gespielin anvertraut: „Weißt Du, wie mir 
ist? Als müsse es so sein, daß ich noch eine 
Weile länger in Deutschland bleibe," eine Be 
merkung, zu der die Gespielin gelacht hatte: „Es 
muß auch so sein, Du Siebengescheite, es muß 
alles sein, was ich haben will." 
Aber schon nach acht Tagen wurde der Engel 
burg eine andere Bestätigung dafür, daß es habe 
„sein müssen." Peter kam aus dem großen 
Kaufmannsgeschäft, in dem er diente, mit einer 
Zeitung nach Hause. „Was sagt ihr dazu, wenn 
ich euch etwas aus euerm Dorfe zum besten 
gebe?" und er entfaltete das Blatt und las 
etwas holperig und langsam, aber gerade darum 
recht verständlich: „M. den 20. September. 
Unser Dorf wurde vorige Nacht durch eine grause 
Unthat erschreckt. Der in unserer ganzen Gegend 
wohlbekannte Handelsmann Markus wurde von 
mehreren aus dem Wirthshaus heimkehrenden 
Bauern mit einem Messer in der Brust im 
Mühlbach aufgefunden. Alle Wiederbelebungs 
versuche waren umsonst. Als Mörder bezeichnet 
wird der Müller I. S., welcher, wie man hört, 
in sehr zerrütteten Verhältnissen lebt. Er ist 
deshalb auch als des Verbrechens dringend ver 
dächtig, bereits gefänglich eingezogen worden." 
„So etwas schreibt wohl euer Schulmeister?" 
fügte der Hausbursch hinzu, als er fertig gelesen 
hatte. Er erhielt keine Antwort, und als er 
verwundert darüber aufsah, gewahrte er, daß seine 
Frau die Schürze vor die Augen hielt, und daß 
aus Engelburgs Gesicht jeder Blutstropfen ge 
wichen war. Er sollte sich bald noch mehr über 
die außerordentliche Wirksamkeit des kurzen Be 
richtes wundern. Schon eine Stunde später mußte 
er Engelburg zum Bahnhof begleiten und ihr 
eine Fahrkarte lösen, nicht nach Bremerhaven, 
sondern zurück in die kaum verlassene Heinmth, 
und das Mädchen sagte abschiednehmend zu ihm: 
„Peter, das lohn' Dir Gott, daß Du uns die 
schlimme Geschichte vorgelesen hast." „Ich bin 
doch sonst nicht gerade dumm," meinte er darum 
auch kopfschüttelnd am Abend, „aber was die 
Engelburg dabei hat, daß sie des gefangenen 
Müllers wegen noch einmal heimreist, das be 
komme ich nicht heraus." Worauf seine Frau 
mit einem Seufzer antwortete: „Das ist schon 
zu begreifen, aber ob es ihr und ihm etwas 
nützt, daß sie es thut, das bekäme auch ich für 
mein Leben gern heraus." 
Es giebt keine bessern Thaten als die, welche 
der Mensch ohne den geringsten Zweifel vollzieht. 
Engelburg kam auf der Fahrt von Bremen bis 
in die Kreisstadt ihrer Heimath nicht einmal der 
Gedanke in den Sinn, Julian könne vielleicht 
doch der Mörder des Markus sein. Er hatte ihr 
gelobt, ihm nichts anzuthun, als was er vor ihr 
verantworten könne, so stand es für sie ganz 
außer Frage, daß er unschuldig war. Und so 
gab es auch keine zwingendere und heiligere Pflicht 
für sie, als die, ihn von dem Verdachte zu reinigen, 
der auf ihm lag. Wie? das wußte sie fürs 
erste selbst noch nicht, aber ebenso frei wie von 
dem leisesten Mißtrauen gegen Julian war sie 
von irgend welcher Besorgniß um ihr eigenes 
Ergehen. Sie war schüchtern von Natur; als 
sie wenige Monate zuvor in einer Erbschaftssache 
vor Amt zu erscheinen gehabt hatte, wäre sie am 
liebsten in die Erde gesunken aus Angst vor den 
Gerichtsherren, jetzt 'dachte sie weder an diese 
noch an das Gerede der Leute, das ihre Heim 
kehr hervorbringen würde. Wenn nur der Julia» 
gerechtfertigt wurde, alles andere war ihr gleich 
gültig lind Nebensache. Die Klarheit und Ent 
schiedenheit, mit der Engelburg zu Werke ging, 
führte sie eher zuin Ziele, als sie zu hoffen ge 
wagt hatte. Wenige Tage nach ihrer Ankunft 
in der Kreisstadt wurde der junge Müller ans 
der Haft entlassen. 
„Irren ist menschlich," sagte der Amtsrichter 
zu ihm, nachdem er ihin seine Freiheit angekündigt 
hatte, „und Ihr selbst thatet das Eurige, um 
den Schuldverdacht zu vermehren. Aber ich will 
Euch daraus keinen Vorwurf machen, es war 
brav von Euch, daß Ihr ein rechtschaffenes 
Mädchen nicht in Verlegenheit bringen wolltet. 
Dankt es nur diesem Mädchen recht von Herzen, 
daß es so unerschrocken für Euch eingetreten ist; 
grüßt die Engelburg auch von mir, wenn Ihr 
sie wiederseht." 
Julian, der wie im Traume das Gerichts 
gebäude und die Stadt verließ, brauchte nicht 
lange zu warten, bis er den Gruß des Amts 
richters ausrichten konnte. Wo an der Straße 
nach M. ein Bildstock die Stelle bezeichnet, an 
der sich der Feldweg zur Herrenmühle abzweigt, 
saß Engelburg auf einem Steine und sah dem 
Kommenden entgegen. Julian stieß einen Schrei 
aus, als er sie erkannte, gleich darauf lag er vor 
ihr auf den Knieen und schluchzte wie ein Kind 
in ihren Schoß: „O Engelburg, Engelburg, was
        

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