Full text: Hessenland (8.1894)

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gefesselter Gefangener, angeklagt, am letzten Abend 
den Markus erstochen und in den Mühlgraben 
geschleudert zu haben. 
„Es ist gar kein Zweifel, daß er's gewesen 
ist," sagte der Mauerhofer, als es Tag wurde, 
zu seinem Nachbar, der dabei gewesen war, als 
sie die Leiche fast an derselben Stelle gefunden 
hatten, an der man wenige Wochen vorher 
Julians Nater hervorgezogen hatte, „es ist 
gar kein Zweifel, und ich bin nur froh, 
daß Engelburg nichts mehr davon erfährt, sie 
wäre sonst im Stande und nähme den ver 
wünschten Kerl in Schutz." Und wie der Mauer 
hofer sprach, so hieß es im ganzen Dorf, in der 
ganzen Umgegend, als der Vorfall bekannt wurde. 
Julian hatte seinem Haß gegen den Markus ja 
allzu oft, allzu leidenschaftlich Ausdruck gegeben. 
Und es fehlte wenig, so hielt sich Julian selbst 
für den Mörder seines habgierigen Gläubigers. 
Es verbanden sich ja auch alle Umstände, die 
ihm das Verbrechen zur Last legten, miteinander 
wie die Glieder einer wohlgefügten Kette. Am 
Nachmittag war Markus bei ihm und ein ge 
rade Mehl abholender Bauer Zeuge gewesen, daß 
Julian die heftigsten Drohungen gegen ihn aus 
gestoßen hatte. „Ich sag' Dir, Du mußt die 
gefälschten Schuldscheine zerreißen, mit denen Du 
uüch aus der Mühle treiben willst!" hatte er 
ihm zugeschrieen, und als Markus darauf mit 
höhnischem Grinsen zur Thür geschritten war, 
hatte er ihiu die geballten Fäuste vorgehalten: 
„Zum letztenmal rath' ich Dir: besinn Dich und 
nimm, was ich Dir geben will, noch weißt Du 
nicht, was für eine Kraft und was für ein 
scharfes Messer ich habe." Dann hatten ihn 
mehrere Leute dem Walde oberhalb der Mühle 
zueilen sehen, unordentlich angezogen, mit ver 
störtem Gesicht, zwei Stunden später war Mar 
kus denselben Weg gewandert, einem schrecklichen 
Ende entgegen, denn wiedermu zwei Stunden später 
war er mit dem Mühlbach zum Dorf zurückgekehrt, 
ein langes scharfes Taschenmesser in der Brust, 
seiner Brieftasche beraubt, und der Kreisarzt, der 
mit den Herren vom Gericht zusammen eintraf, 
hatte konstatirt, daß der Tod nicht in Folge des 
Stiches, sondern durch Ertrinken, und ungefähr eine 
Stunde vor Auffindung der Leiche eingetreten sei. 
Aber wenn der Todte auch kein Wort mehr sagen 
konnte, „der Herrenmüller hat's gethan!" stand 
doch für fast sämmtliche Umstehende auf seinen 
starren Lippen geschrieben. Und was sie lasen, 
das sagten sie den Gerichtsbeamten, und auch 
diese zweifelten kaum daran, als sie die Mühle 
leer fanden, und als endlich Nachts zwischen zwei und 
drei Uhr Julian anlangte, blaß, krankhaft erregt, 
mit frischen Blutspuren an Rock und Weste. Er 
erklärte diese im ersten Verhör damit, daß er 
im Wald mit dem Kopf auf einen Stein ge 
fallen sei und davon Nasenbluten gehabt habe. 
Das glaubte aber der Amtsrichter nicht, und 
noch weniger glaubte er, daß ihm bei derselben 
Gelegenheit sein Taschenmesser abhanden gekommen 
sei, welches er vorweisen sollte und nicht konnte. 
Doch wenn auch vieles gegen den jungen Müller 
zeugte, am verdächtigsten machte ihn doch eins: 
Wie heftig er betheuerte, den Markus seit der Unter 
redung vom Nachmittag nicht gesehen zu haben, 
er gestand nicht ein, was er von jener Zeit bis 
zu seiner Rückkehr in die Mühle gethan habe. 
„Es war nichts Schlechtes," antwortete er auf 
alle diesbezüglichen Fragen mit niedergeschlagenen 
Augen, „aber ich kann es nicht sagen, und ich 
will cs nicht sagen." — 
Und wie genau er wußte, daß diese Antwort 
verhängnißvoll für ihn war, er wiederholte sie 
dennoch mit stets gleicher Energie an jedem der 
acht Tage, die er nun schon in der engen ver 
gitterten Zelle des Untersuchungsgefängnisses saß. 
Wiederholte sie leise und laut, war doch der 
einzige Lichtstrahl für sein verdüstertes und ver 
bittertes Gemüth der Gedanke: Engelburg fährt 
jetzt auf dem weiten Meer, und sie weiß nichts 
von dem, was die Menschen über mich reden. 
Daran, daß sie doch über kurz oder lang erfahren 
werde, was ihm begegnet sei, dachte er nicht und 
auch nicht daran, daß es ihr ein ewiger Vorwurf 
sein werde, wenn sie erfahre, daß er sich um 
ihretwillen nicht besser vertheidigt habe. Es kam 
ihm auch nicht in den Sinn, daß ja Engelburgs 
alte Base ebenso gut wie diese selbst für feine 
Unschuld eintreten könne. Hätte nicht das Eine 
seine lebensmüde zerquältc Seele noch aufrecht 
gehalten: sie, die mich lieb hat, soll nicht noch 
einmal durch mich in Leid und Noth gerathen, er 
hätte überhaupt nicht gewußt, wozu er noch auf 
der Welt sei, warum er nicht seinem armen 
Vater nach und in das dunkle Jenseits hinüber 
gehe, in dem es doch kaum schlimmer für ihn 
werden konnte, als es in den letzten Wochen ge 
wesen war, und nun immer weiter sein mußte. — 
Wo aber war die, um derenwillen er sich für 
einen Mörder halten ließ? Schwamm sie wirklich 
schon auf dem öden Weltmeer? Engelburgs Reise 
plan hatte in Bremen eine unvorhergesehene 
Aenderung erfahren. Die Gespielin aus ihrem 
Dorfe, welche dort an einen Hausbursch ver 
heiratet war, und bei der sie einen Tag hatte 
bleiben wollen, ließ sie nicht fort. „Wenn Du 
erst drüben bist, sehe ich Dich sobald nicht wieder, 
das weiß ich schon," hatte sie gleich bei Engel-
        

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