Full text: Hessenland (8.1894)

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einmal, die Kavallerie, die man wegen der ein 
gebrochenen Dunkelheit kaum sehen konnte, stand 
uns einige hundert Schritte gegenüber, und die 
Infanterie hatte sich auf einer Anhöhe en quarre 
postirt. Hier wurde mir, was ich nicht leugne, 
doch ein wenig bänglich ums Herz; denn so ein 
quarre, das mit Kartätschen schießt, zu sprengen, 
ist wahrlich gerade keine parkte de plaisir. Ich 
muß aber sagen, daß ich zuletzt ganz kaltblütig 
wurde. Der Kanonendonner und der Lärm läßt 
einen nicht zur Besinnung kommen. Ehe jedoch 
die Verstärkung ankam, die wir von der schwarzen 
Legion des Herzogs von Braunschweig erwarteten, 
gab der Feind Fersengeld und floh so eilig, daß 
unsere hessischen Leibdragoner noch in der Nacht 
die Hauptstadt Bayreut besetzten. Es war ein 
mühseliger Tag. Wir hatten schon neun Stunden 
marschirt, die Hitze war unerträglich und gegen 
vier Uhr Nachmittags kam ein starkes Gewitter 
mit einem solchen anhaltenden Regenguß, dergleichen 
ich mich nicht erinnere. Viele Soldaten fielen 
vor Mattigkeit und Durst todt auf der Straße 
nieder. Die Nacht lag ich in einem Pferdestall 
und ohngeachtet ich fürchterlichen Hunger hatte, 
der aber nicht gestillt werden konnte, weil wir 
auf einem ausgeplünderten, zerstörten einzelnen 
Bauernhöfe lagen, so dankte ich doch dem Himmel, 
nur unter ein Obdach gekommen zu sein. Tags 
darauf marschirten wir zurück nach Sachsen, wo 
die westphülifche Armee die Oesterreicher zurück 
gedrängt hatte und bis Plauen und Hof vor 
gedrungen war. Das Hauptquartier des Königs 
von Westphalen war in ersterer Stadt. Die 
Westphalen flohen aber, sobald wir ankamen, es 
gab bloß Vorpostengefechte, worin wir unter andern: 
einige Mann nebst einem Trompeter von der 
Chevaulegersgarde zu Gefangenen machten. Viele 
Westphalen gingen hier auch über. Wir standen 
lange bei Plauen im Lager, und ich habe seitdem 
viele Strapazen ausstehen müssen, indem ich mit 
meinen Husaren entweder stets auf Patrouille 
ging oder die äußersten Pikets nach dem west- 
phälischen Lager zu hatte. Jedoch bin ich mit 
ihnen niemals handgemein geworden. Bald darauf 
erschien der unglückliche Waffenstillstand und wir 
marschirten an die böhmische Grenze zurück. Wäre 
dieser nicht gekommen, so waren wir ohne Zweifel 
in Hessen. Gleich nach dem Waffenstillstand wurde 
ich mit vierundzwanzig Husaren als Vorposten 
an die bayrische Grenze, sechszehn Stunden von 
Nürnberg und Amberg, detachirt, wo ich bis zum 
unglücklichen Frieden stand. Was die Nachricht 
von dein geschlossenen Frieden für ein Donnerschlag 
für uns, namentlich für uns geborene Hessen war, 
ist keines Ausdrucks fähig. Wir hatten gewiß 
darauf gerechnet, daß der Kurfürst, wenn auch 
nicht seine vorigen Staaten wieder erhalten, doch 
wenigstens anderswo entschädigt werden würde, 
namentlich sagte man, würde er Ansbach und 
Bayreut erhalten. Aber so wurden auf einmal 
alle unsere Hoffnungen und Aussichten so gut wie 
zertrümmert und der Weg zur Rückkehr in's 
theure geliebte Vaterland so gut wie abgeschnitten." 
(Schluß folgt.) 
—S-JS6-S— 
Die schwarze Wühle. 
Eine Dorfgeschichte aus der Rhön von A. Weidennrüller. 
(Schluß.) 
r sah sie an, als müsse er sich ihr Bild für 
alle Zeit einprägen. Ein Abschiedswort hervor 
zubringen war ihm nicht möglich. „Wenn's 
noch eine Barmherzigkeit im Himmel giebt —" stam 
melte er endlich. Dann riß er sich los. Ein leiser 
Ruf hallte ihm noch nach: „Julian, bleib' gut!" 
dann war er um die nächste Straßenecke gebogen 
und eilte in Nacht und Nebel dem Wege zu, der 
ihn durch Wald und Wiese zu der trostlosen 
Heimath führte, die ihm die verödete Herrenmühle 
bot. Er war darauf gefaßt, sie leer, finster und 
bis auf das eintönige Rauscheil des Mühlbachs 
todtenstill zu finden. Wie erstaunte er daher, als 
er ihr näherkommend, bemerkte, daß sich trotz der 
späten Stunde Lichter darin hin- und herbewegten, 
daß Schritte auf dem Hofe, Stimmen im Hause 
klangen. Sein Erstaunen sollte sich bald in 
etwas anderes, schlimmeres verwandeln. Als er 
sich anschickte, seine Schwelle zu überschreiten, um 
zu erforschen, wer die unberufenen Gäste in seinem 
Heimwesen seien, legte sich eine schwere Hand aus 
seine Schulter: „Im Namen des Gesetzes, Ihr 
seid verhaftet!" Und kaum eine halbe Stunde 
später, der Nachtwächter im Dorse verkündete 
gerade, daß es drei Uhr sei, verließ er in Be 
gleitung von zwei Gendarmen die Mühle, ein
        

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