Full text: Hessenland (8.1894)

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Dithmar'schen Familie näher und schloß mit 
der ältesten Tochter, der schönen zwanzigjährigen 
Philippine Dithmar (66) ein Herzens- 
bündniß. Der Vater, durch alles vorhergegangene 
schwer gereizt, übertrug seine Erbitterung auf den 
ganz unschuldigen Giesler und verweigerte 
standhaft seine Einwilligung zur Verlobung; er 
ertheilte sie erst, als er nach einem Zwischen 
aufenthalt in Kassel sich in seine Heimath Homberg 
zurückgezogen und nachdem sich bei seiner Tochter 
in Folge der vielen schweren Erlebnisse eine 
bedenkliche Krankheit eingestellt hatte. Im Februar 
1808 durften die Liebenden sich endlich zu Homberg 
begrüßen, aber es war zu spät. Bei Philippine 
hatte sich die Schwindsucht entwickelt, und sie 
entließ den Geliebten mit dem traurigen Abschieds 
gruß: Zum letzten Mal! Wenige Tage darauf, 
am 15. Februar, hauchte sie ihren Geist aus. 
Einer ihrer blonden Zöpfe wurde durch Vermittlung 
ihres Bruders Wilhelm (65) an Giesler geschickt, 
der ihn als theuere Reliquie sein Leben lang auf 
bewahrte und, als er zu Wabern als Landrath a. D. 
1859 starb, sich von seiner vollkommen eingeweihten 
Gattin im Sarg in die Hände legen ließ. Dithmar 
erlebte nicht das Ende der gegen ihn eingeleiteten 
Untersuchung, er starb bald nach seiner Tochter 
am 28. April 1808 zu Homberg. Im Jahre 
1812 wurde verfügt, daß sein ganzes hinterlassenes 
Vermögen eingezogen werden sollte, doch ist es 
entweder in Folge eines Bittgesuchs seiner Kinder, 
namentlich seines in westphülische Kriegsdienste 
getretenen Sohnes Karl (67) oder in Folge der 
Ereignisse von 1813 nicht eingezogen oder wieder 
herausgegeben, da seine Kinder sich später im 
ungestörten Besitz des Vermögens befanden. Ueber 
den Ausgang des Prozesses ist nichts bekannt. 
Karl Dithmar's Kinder siehe 65—69. 
62. Johann Wilhelm Dithmar wurde am 
5. November 1757 zu Homberg geboren, studirte 
die Rechte und erwarb sich am 2. März 1780 
unter dem Vorsitz des Professors Johannes 
Hofmann zu Marburg auf Grund einer 
Disputatio juridica auspicalis de Immunitatibus 
castrensibus aliisque libertatibus praecipue 
in Hassia die Würde eines Lizenziaten der Rechte. 
Er lebte in Homberg als Advokat und starb 
daselbst unverheirathet am 12. August 1810. 
63 — 64. Zwei jung gestorbene Töchter. 
65. Johann Wilhelm Dithmar wurde am 
20. Oktober 1783 zu Homberg geboren, studirte 
die Rechte und wurde durch Verfügung vom 
4. März 1807 zum Advokaten für die Aemter 
Ahna, Wilhelmshöhe und Kaufungen mit dem 
Wohnsitz in Kassel, später aber zu Homberg bestellt. 
Durch seinen Vetter Siegmund Peter Martin, 
bei dem er damals als Sekretär arbeitete, wurde 
er in den Dörnberg'schen Aufstand verwickelt 
und mußte nach dem unglücklichen Gefecht bei 
der Knallhütte bei Kassel fliehen. Seine Schicksale 
auf dieser Flucht und seinen Eintritt in das von 
Kurfürst Wilhelm I. in Böhmen errichtete 
hessische Truppenkorps erzählt er selbst in einem 
Briefe vom 6. Januar 1810 aus Caaden au der 
Eger, welchen er an seinen Oheim, den Hospitals 
provisor Rommel zu Homberg schrieb und der 
nur auf Umwegen an seine Bestimmung gelangen 
konnte, *) wie folgt: 
„Nach jener unglücklichen Affaire bei der Knall 
hütte flohen ich, M(artin)^ und v. W(olff) 
über Naumburg in's Waldeck'sche, gingen bei 
Münden über die Fulda und nahmen unsern 
Weg die Werra entlang nach der sächsischen Grenz 
stadt Berka zu. 3 ) Wir erreichten glücklich die 
Grenze nach mancher in Wäldern und Klüften 
unter freiem Himmel zugebrachten Nacht und 
mancher bei Passirung eines Dorfes ausgestandenen 
Angst, ohne daß wir einem Gendarm oder einem 
sonstigen Diener der heiligen Hermandad ansichtig 
wurden. In Berka ging es mit Extrapost über 
Eisenach, Langensalza, Tennstedt und Halle. Hier 
hatte Schill einige Tage zuvor sein Wesen ge 
trieben, indessen konnten wir ihm nicht folgen, 
weil er schon weit weg marschirt war. In Halle 
trafen wir zwei Unglücksgefährten, v. D(alwigk) 
und v. E(schwege), die aber dem Schill 
nachgingen. Von Halle fuhren wir nach Dessau, 
mußten aber auf Wittenberg, weil Schill die 
Elbbrücke bei Dessau zerstört hatte. Bei Wittenberg 
mußten wir verteufelte Aengste ausstehen. Weil 
Schill hier die Elbe passirt hatte, so war ein 
Truppenkorps von Sachsen da zusammengezogen. 
Ueberall mußten wir durch Vedetten durch. 
Wittenberg ist bekanntlich eine sächsische Grenz- 
’) Auszugsweise ist dieser Brief iu den Nummern 202 
und 204 der hessischen Morgenzeitung zu Kassel vom 13. 
und 14. Mai 1887, wenn auch mit vielen sinnentstellenden 
Druckfehlern abgedruckt, auch vom Verfasser dieser Familien 
geschichte zu einem Vortrag im Verein für hessische Geschichte 
und Landeskunde zu Kassel am 8. November 1864 benutzt 
worden, der dann dem kurhessischen Generalstab auf dessen 
Wunsch abschriftlich überreicht wurde. 
2 ) Die Namen werden, soviel es möglich ist, ergänzt 
wiedergegeben. 
3 ) Auf dieser Flucht, wo unter anderen! der Pfarrer 
Koch zu Wolferode die Flüchtigen beherbergte, erlitt 
Dithmar auch große materielle Einbuße. An einer 
anderen Stelle schreibt er darüber: „Am 23. April v. I., 
wo wir in jener unglücklichen Nacht nach Kassel marschirten, 
gab ich meinen Mantelsack, worin unter anderen gegen 
150 Thaler in Gold und Silber lagen, einem Mann 
Namens Kaysen, einem Maurer aus dem Bamberg'schen. 
der zu Lenderscheid wohnt. Nach der Retirade konnje ich 
mich natürlich nicht weiter darum bekümmern."
        

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