Full text: Hessenland (8.1894)

Geschichte der Familie Dithmar. 
Ein Beitrag zur hessischen Familiengeschichte von Ottv Gerland. 
«Fortsetzung.) 
t 
LA ls Ende 1806 die hessischen Beamten durch das 
Fl französische Gouvernement den Befehl erhiel- 
Oj V teit, die entlassenen hessischen Soldaten zu neu 
zu errichtenden Regimentern ausznheben, wollte 
Dithmar diesen Befehl mit seiner gewohnten 
Strenge durchführen, obwohl er selbst sehr wenig 
franzosenfreundlich gesinnt war und deshalb auch 
bei den Machthabern keine Gunst genoß. Seine 
Aufforderungen an die Mannschaften, sich zu stellen, 
blieben erfolglos, dagegen rotteten sich die ehe 
maligen hessischen Soldaten am 18. Dezember zu 
sammen, drangen in Dithmar's Wohnung im 
Schloß zu Wolfhagen und erklärten, sie würden ans 
keinen Fall in Dienst treten, er möge sie mit der 
artigen Befehlen in Ruhe lassen. Nunmehr nicht im 
Stande, den ihm ertheilten Auftrag auszuführen, 
berichtete er in diesem Sinne an den mit der 
Bildung der Truppenabtheilung beauftragten Major 
Müller zu Kassel, und dieser erschien am Abend 
des 22. Dezember mit einer Abtheilung französischer 
Reiter zu Wolfhagen, um die Widerspenstigen 
zwangsweise auszuheben, ging aber, weil die Ge 
stellungspflichtigen sich auf die Flucht begeben 
hatten, alsbald wieder zurück und ließ nur den 
Leutnant C o n r a d i mit einer geringen Mannschaft 
zu Wolfhagen. Kaum hatte sich M ü l l e r entfernt, 
als eine große Menge ehemaliger Soldaten und 
Bauern aus der Ilmgegend, namentlich aus dem 
Amt Gudensberg, mit Flinten, Pistolen, Säbeln, 
Piken und Aexten bewaffnet, nach Wolfhagen kam, 
in den Renthof lim Schloß) eindrang, nach 
Müller fragte und, als sie dessen Abzug erfuhr, 
ihre ganze Wuth an Dithmar ausließ. Sie 
zerschlugen unter gewaltigem Lärmen die Fenster, 
bombardirten das Haus mit Steinen und Knüppeln 
und zertrümmerten einen Theil seiner Möbel, 
namentlich soweit diese im Erdgeschoß standen. 
Alle Versuche Dithmar's und Conradi's, 
die Menge zli beruhigen, blieben erfolglos, ja, 
als Dithmar versuchte, in die Hausthür zu 
treten und zu der Menge zu sprechen, wurde er 
mißhandelt und scharf nach ihm geschossen, sodaß 
er sich nur durch schleunige Flucht retten konnte. 
Endlich gelang es den in der Stadt einqnartirten 
Reitern in das Schloß einzudringen und das 
Volk zu zerstreuen, Dithmar aber begab sich 
mit Conradi, der nur einen ganz kleinen Trupp 
seiner Reiter zurückließ, um mündlichen Bericht 
zu erstatten, nach Kassel, wo er im König von 
Preußen erkrankte. Der Generalgouverneur erlaubte 
ihm zwar einstweilen in Kassel zu bleiben, die 
Landesregierung aber gab ihm durch Verfügung 
vom 27. Dezember auf, sich alsbald nach erfolgter 
Genesung auf seinen Posten zurückzubegeben. 
Diesem Befehl konnte er jedoch nicht nachkommen, 
da sich seine Krankheit in Folge der übelen Nach 
richten aus Wolfhagen verschlimmert hatte. Dort 
war nämlich nach seiner Abreise das Landvolk 
wieder erschienen, hatte im Verein mit den Bürgern 
und Soldaten das Nathhaus und das Amthaus 
gestürmt, die dort aufbewahrten Gewehre geraubt 
und sich dabei an Dithmar's Kindern dermaßen 
vergriffen, daß diese Haus und Hof verlassen und 
einzeln flüchten mußten, um sich vor der Volkswuth 
zu retten. Für die Zeit von Dithmar's Ver 
hinderung war der Amtsassessor Giesler, ein 
sehr milder Mann, mit der Verwaltung des 
Amtes beauftragt worden, was für beide Männer 
zu tragischen Verwicklungen führen sollte, denen 
eine dritte erlag. Als die Eingesessenen des Amts 
ihren gestrengen Amtmann entfernt sahen, beeilten 
sie sich, dessen Sturz durch massenhafte Anzeigen 
zu vollenden; diese Anzeigen mußte Giesler 
selbstverständlich entgegen nehmen und weiter geben. 
Dithmar, der sich unter der bestimmten Ver 
sicherung, daß alle Anzeigen gegen ihn grundlos 
seien, vergeblich um eine Oberamtmannstelle be 
worben hatte, wurde ohne Gehaltsbezug snspendirt 
und ein Verfahren wegen eines in den wegen 
seines plötzlichen Abgangs nicht von ihm selbst 
seinem Nachfolger überlieferten Kassen festgestellten 
Rezesses gegen ihn eingeleitet. Gleichzeitig aber 
trat Giesler, dem auf seine Bewerbung 
Dithmar's Stelle übertragen worden war, der
	        

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