Full text: Hessenland (8.1894)

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Diese drei Strophen sind ein Ueberrest des 
alten Volksliedes: „Es blies ein Jäger wohl in 
sein Horn", dessen Text Lewalter a. a. O. nach 
„Des Knaben Wunderhorn" 2 3 4 ) mit den Bemerkungen 
von Hoffmann von Fallersleben und Reifferscheid 
beifügt. Hoffmann von Fallerslebens sagt 
über dieses Lied: „Es mag im Lause der Zeit an 
seiner ursprünglichen Gestalt viel eingebüßt haben. 
Man sieht nicht ein, in welchem Zusammenhange 
das Lied zu dem Anfange steht, daher denn auch 
die mancherlei Abweichungen in den Schlüssen." 
Reifferscheid^) will das Lied nicht als ein 
einheitliches betrachten; es ist seiner Ansicht nach 
aus den Bruchstücken zweier verschiedener Jäger 
lieder zusammengesetzt. Lew alt er bemerkt hierzu 
(a. a. O. S. 30): „Der Inhalt der noch vorhandenen 
drei Strophen ist so dunkel, daß schwerlich eine 
Erklärung gesunden werden kann." Dagegen ver 
sucht derselbe in Heft II, S. V, seiner Sammlung 
folgende Erklärung: „Vielleicht ist folgende Er 
klärung richtig: Drei Lilien pflanzte ich aus mein 
Grab d. h. aus das von mir geliebte Grab, worin 
mein Schatz ruht; da kam ein Reiter unb brach 
sie ab. Ach Reiter, laß die Lilien stehn, mein 
Feinsliebchen soll sehen, daß ich sie auch nach 
ihrem Tode noch innig liebe. ,Und sterb' ich noch 
heute u. s. w? heißt mit anderen Worten: Ach 
stürb' ich doch heute, dann wär' ich morgen tot 
und käme zu meinem Schatz." Diese Interpretation 
erscheint uns zu gezwungen und unnatürlich, der 
einfachen und klaren Ausdrucksweise des Volks 
liedes zu wenig entsprechend. Wir glauben, daß 
„mein Grab" thatsächlich nichts Anderes bedeuten 
kann als: mein Grab, die Stätte, da i ch begraben 
liege. Den Schlüssel der Erklärung bietet uns der 
Inhalt des älteren Liedes, das wir im Zusammen- 
hange hier betrachten. wollen. Dieses Lied hat 
allerdings etwas Dunkles, Geheimnisvolles; die 
Gestalt des schwarzbraunen Mädchens ist dämonen 
haft, wie ja auch die Ueberschrist besagt: „Die 
schwarzbraune Here". 5 ) 
Ein Jäger bläst in fein Horn; aber all sein 
Blasen ist umsonst. Dann zieht der Jäger sein 
Netz über den Strauch. Daraus springt ein schwarz 
braunes Mädchen hervor und entflieht. Der Jäger 
droht, sie mit seinen großen Hunden zu sangen, 
welche Drohung das Mädchen verachtet: „Sie 
2 ) Arnim und Brentano: Des Knaben Wunder- 
v Horn. N. Ausgabe, Heidelberg 1806—1808, S. 26. — 
3 ) Hoffmann von Fallersleben und Richter: 
Schlesische Volkslieder (1842), Nr. 171, S. 195. - 
4 ) Reifferscheid: Westfälische Volkslieder (1879), 
Nr. 15. — 
5 ) Arnim und Brentano brachten das Lied nach 
einem fliegenden Blatte. — 
wissen meine hohe, weite Sprünge noch nicht." 
Da droht der Jäger weiter: 
„Deine hohe Sprünge, die wissen sie wohl, 
Sie wissen, daß du heute noch sterben sollst!" 
Auch diese Todesdrohung verachtet das schwarz- 
braune Mädchen: 
„Sterbe ich nun, so bin ich tot, 
Begräbt man mich unter die Röslein rot, 
Wohl unter die Röslein, wohl unter den Klee, 
Darunter Verderb' ich nimmermeh." 
Die schwarzbraune Hexe ist über bext Tod er 
haben ; dieser hat keine Gewalt über sie; sie wird 
fortleben. 
„Es wuchsen drei Lilien auf ihrem Grab, 
Die wollte ein Reuter wohl brechen ab." 
Da ruft die schwarzbraune Hexe aus dem Grabe: 
„Ach Reuter, laß die drei Lilien stahn, 
Es soll sie ein junger, frischer Jäger Han." — 
Vergleichen wir nun diese letzten Strophen des 
älteren Liedes mit den drei jüngeren, womit sie 
unverkennbare Identität zeigen, so sehen wir, daß 
„mein Feinsliebchen" nicht, wie Lewalter meint, 
die Geliebte ist, sondern „der junge, frische Jäger", 
der Liebhaber des schwarzbraunen Mädchens. Die 
Geliebte, die schwarzbraune Hexe, das geheimnis 
volle Waldweib, das unter den Röslein, unter dem 
Klee nimmer verdirbt, pflaxlzt die drei Lilien als 
Erkennungszeichen für ihren Geliebten, als Denkmal 
unvergänglicher Liebe, das sie noch im Tode gegen 
die frevelhafte Hand des stolzen Reiters schützt. 
In der neuerell Fassilng allerdings, in dem 
trümmerhasten Liede von den „Drei Liliell", hat 
die Geliebte ihre dämonischen Züge verloren, und 
so kann es llnerklärlich erscheinen, wie sie die drei 
Lilien auf ihr eigen Grab pflanzt. Daß iubeffext 
das Volk selbst schon teilweise bext ursprünglichen 
Zusammenhang dieses Volksliedes vergessen hat 
und eine ihm leichter faßliche Lesart bildet, zeigt 
die Variante, die Oeser-Glau brecht uns in 
seiner reizenden Volkserzählung: „Der Zigeuner" 
um die Mitte des Jahrhunderts aus der Rabenau 
mitteilt®): 
„Drei Lilien, drei Lilien, 
Die pflanzt' ich auf sein Grab." 
Genau denselben Zusammenhang wie jene ältere 
Fassung aus des Knaben Wunderhorn, die uns den 
") Der Zigeuner. Erzählung für das Volk von 
O. Glaub recht (N. Aust. Stuttgart 1880), S. 109. — 
„Rabenau" heißt die Gegend am Oberlaufe der Lumda, 
einem linfexx Seitenbache der Lahn, welcher bei Lollar 
einmündet. —
        

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