Full text: Hessenland (8.1894)

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Er verstand sie und zwang seinen Schmerz 
hinunter. „So wünsch' ich Dir eine recht glückliche 
Reise," erwiederte er so laut, daß es der am 
Fenster stehende Mauerhofer hören konnte, „und 
daß Du mir drüben immer gesund bleibst." 
Als aber der Bauer sich einen Augenblick um 
wandte, um heftigem Kindergeschrei hinter seinem 
Rücken ein Ende zu machen, fügte er leise hinzu: 
„Ich seh' Dich noch in der Stadt, Engelburg, 
ich weiß, wo Deine Base wohnt, und kann ich 
am Tage nicht zu Dir kommen, so komm' ich in 
der Nacht." 
Unmittelbar darauf war er verschwunden, und 
der Manerhofer konnte zu seiner in's Zimmer 
tretenden Schwester sagen: „Sei froh, daß D» 
den schlechten Lump so gut losgeworden bist, ich 
hatte schon Angst, er würde Dir Dein Reisegeld 
abschwatzen." 
Der Vorabend von Engelburgs Abreise nach 
Amerika kam schneller herbei, als das Mädchen 
gedacht hatte. Nun war alles ' für die lange 
Fahrt gerüstet, die neue hölzerne Lade stand ge 
packt und verschlossen vor der Stubenthür, die 
Kleider, die unterwegs getragen werden sollten, 
lagen bereit; es galt nur noch eins zu thun: 
Abschied zu nehmen von der alten Base. Woran 
lag es nur, daß ihr vor dem so sehr graute? 
Daß ihr zu Muthe war, als könne sie nicht von 
der Base fortgehen? Den Dorfleuten allen, sogar 
der schlimmen Barbara hatte sie in aller Form 
Lebewohl gesagt, und der einzige, den sie noch 
einmal zu sehen gehofft hatte, als sie den Mauer 
hof verließ, von dem wußte sie durch ihren Bruder, 
daß er Tag und Nacht rastlos arbeite, um die 
wenigen Kunden, welche seine Mühle noch hatte, 
zu befriedigen. „Er plagt sich redlich," das war 
der Beschluß von den Mittheilungen des Mauer 
hofers gewesen, „aber alle seine Arbeit ist um 
sonst, wen der Markus einmal gefaßt hat, der 
kommt nicht wieder los, es müßte denn sein — 
na, wenn ich der Markus wär', ich möchte nicht 
allein mit dem Julian zusammentreffe»." 
Schon mehr als einmal im Lauf der letzten 
beiden Tage ivaren Engelburgs Gedanken zu 
diesen Worten zurückgekehrt. Auch jetzt, wie sic 
so am Bett ihrer eines schlimmen Fußleidens 
wegen fast immer liegenden Verwandten saß und 
in das verglimmende Abendroth des September 
tages hinausblickte, umkreiste ihr Denken un 
ablässig den düstern Sinn, welcher ihnen inne 
wohnte. Wie hart war es doch für sie, ihren 
einstigen Herzliebsten mit der Befürchtung zu ver 
lassen, daß er am Rande des Verderbens stehe. — 
Ihren einstigen Herzliebsten! Sie wollte sich ein 
reden, daß ihr nicht halb so viel mehr an Julian 
liege als vordem, daß es nur noch Mitleid sei, 
was sie zu ihm hinziehe, aber es gelang ihr 
nicht. Vergangene Zeiten wurden in ihrem Herzen 
lebendig, sie stand wie vor Jahren mit dem 
schmucken, lustigen Burschen plaudernd am Mühl 
bach, sie fühlte den freundlichen Blick seines 
Auges, den festen Druck seiner Hand, und sie 
war froh, daß ihre Base schlief und ihr den 
schönen Traum nicht zerriß. Da Pochte es leise 
an die Thür, und als sie, um die Schlafende 
nicht zu wecken, behutsam öffnete, stand Julian 
vor ihr. Nicht so schmuck und lustig, wie sie ihn 
unmittelbar vorher im Geiste gesehen hatte, sein 
Gesicht war blaß und abgezehrt, sein Anzug ver 
nachlässigt und sein Blick matt lind traurig, aber 
wie ihm vor drei Wochen, so war auch ihr jetzt 
schon seine bloße Anwesenheit Glückes genug. 
„Daß Du doch noch kommst!" sagte sie, und 
ihre Stimme zitterte vor unterdrückter Freude. 
Dann faßte sie seine Hand und zog ihn in's 
Zimmer. „Die Base wird's nicht stören, wenn 
Du still bei mir sitzest." 
Er saß still bei ihr. „Der Weg von der 
Mühle bis hierher ist doch weit für einen, der 
seit acht Tagen nicht aus den Kleidern gekommen 
ist," murmelte er endlich, „ich glaube, ich bin 
noch nie im Leben so an Leib und Seele zer 
schlagen gewesen, wie heute." 
Ihre Augen gingen prüfend über seine ein 
gesunkenen Wangen hin. „Julian, wer kocht für 
Dich?" fragte sie dann rasch. Er lächelte bitter. 
„Ich war froh, wenn ich ein Stück Brot hatte," 
antwortete er nach einigem Zögern. Sie holte 
vom Ofen, in dem der kranken Base wegen ein 
kleines Feuer brannte, Kaffee und Milch herbei 
und schenkte ein. „Da, und iß auch ein Stück 
von dem Kuchen, den ich gestern gebacken habe." 
Er langte zu. „Du thust mir nichts als Liebes, 
ich habe Dir zeitlebens nichts als Böses zu 
gefügt." 
Sie schüttelte den Kopf. „Du thatest's ja 
nicht mit Willen, Julian. Wenn Du gekonnt 
hättest, ich wäre jetzt —" Sie brach ab. „Julian, 
willst Du mir zum Abschied noch etwas Gutes 
erweisen?" 
Er schob die Tasse zurück. „Soll ich mich 
für Dich todtschlagen lassen? Weiß Gott, ich thät's, 
wenn Dir damit gedient wäre." 
Sie lauschte nach dem Bett der Base hin. 
Die Kranke schlief noch immer. „Julian", sagte 
sie dann flehend, „versprich mir, Dich nicht an 
Markus zu vergreifen." 
Ueber das Gesicht des jungen Müllers schlug 
es hin wie eine Flamme, und seine müden Augen 
blitzten aus. „Engelburg, Du weißt nicht, um
        

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