Full text: Hessenland (8.1894)

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Vre schwarze Wühle. 
Eine Dorfgeschichte aus der Rhön von A. Weidenmüller. 
(Fortsetzung.) 
s war eine furchtbare Stunde für ihn, 
M, als er diesen Einblick in die Pläne seines 
Vaters erhielt. Harte und Lieblosigkeit 
hatte er ihm immer zutrauen können und zu 
getraut, einer groben llnehrlichkeit hätte er ihn 
nie für fähig gehalten. Und allen den Zwang, 
den er ihm von Jugend auf angethan hatte, 
war er imstande ihm zu verzeihen, dies brachte 
er nicht fertig ihm zu vergeben. Drohte es ihm 
doch das Letzte zu rauben, was er sich ans dem 
Zusammenbruch alles seines Glückes allein noch 
zu retten hofften seinen guten Namen. Und so 
rührte es ihn nicht, als ihn der alte Mann mit 
gerungenen Händen bat, doch die Sache den ge 
planten Verlauf nehmen zu lassen, und erregte 
kein Mitleid in seiner Seele, als nach dem 
Zwangsverkauf ihres Mobiliars und sämmtlicher 
Liegenschaften er ihn in der ausgeräumten Wohn 
stube aus der Erde kauern und stumm vor sich 
hinbrüten sah. Erst als er ihn am folgenden 
Morgen vergeblich in dem ganzen leeren Hause 
suchte, und ihn ein Bauer aus dem Unterdorf 
in dieser Beschäftigung mit den Worten unter 
brach: „Julian, Deinen Vater haben sie vorhin 
unten bei der Schleuse aus dem Wasser gezogen, 
er hat wohl schon ein paar Stunden darin ge 
legen;" — erst da ward ihm wieder bewußt, 
daß es doch ein starkes Band ist, welches Eltern 
und Kinder miteinander verbindet; er warf sich 
über den starren Leichnam und weinte bitterlich. 
Am selben Tag hatte er einen Besuch, der ihm 
wohl und wehe zugleich that: Engelburg. Die 
beiden hatten sich in den letzten zwei Jahren 
kauni einmal angesehen, geschweige denn an 
gesprochen, so wußte Julian zuerst nicht, wie ihm 
geschah, als das Mädchen plötzlich in dem 
dämmerigen Hausgang vor ihm stand: „Du 
thust mir gar zu leid. Mein Bruder wollte 
nicht zu Dir gehen, da mußte ich selber kommen." 
Aber er faßte sich bald, „Lohn' Dirs Gott, daß 
Du noch an mich denkst," sagte er mit dem 
Schatten eines Lächelns in dem srühgealterten 
Gesicht und streckte ihr zögernd und doch froh 
bewegt die Hand entgegen. Sie ergriff sie bereit 
willig, etwas weiteres hervorzubringen war sie 
nicht imstande. Dessen bedurfte es auch nicht, 
Julian war mitten in seiner Noth glücklich, daß 
sie vor ihm, glücklich, daß sie zu ihm stand, und 
Worte hätten dies Glück nicht vermehren können. 
Es war ein Glück von kurzer Dauer. Schon 
am Tage nach dem Begräbniß seines Vaters, 
erzählte ihm Engelburg, daß ein Bruder von ihr, 
der vor Jahren nach Amerika ausgewandert war, 
und den sie lange für todt gehalten hatten, ihr 
das nöthige Reisegeld geschickt habe, um zu ihm 
hinüber zu kommen, und daß sie in vierzehn Tagen 
weggehen werde. Er war einige Minuten still, 
als sie ihm fertig berichtet hatte. -,Jch wollte, 
ich könnte mit Dir gehen," sagte er endlich, „aber 
ich kann nicht fort, ehe ich mit dem Markus im 
Reinen bin." 
„Bist Du ihm noch viel schuldig?" 
Er nickte finster. „Auf dem Papier ja, in 
Wirklichkeit nein. Nicht die Hälfte von dem 
Geld, das in den Schuldscheinen meines Vaters 
steht, hat er hergegeben, das will ich beschwören. 
Aber er soll sich an mir versehen haben, der 
Halsabschneider. Entgelten soll er mir, daß er 
mir den Vater um Ehre und Leben gebracht 
hat, und sollte ich gleich —" 
„Julian!" fiel ihm das Mädchen erschrocken 
in's Wort, und der Mauerhofer, welcher nicht 
weit entfernt von den beiden gestanden und die 
Drohung des jungen Müllers gehört hatte, sagte 
näher tretend in gedämpftem, warnendem Ton; 
„Du, nimm Dich in acht mit solchen Reden. 
Du hast deren auch schon vor anderen gethan, 
und wie sollen die Leute sie anders verstehen, 
als daß Du dem Markus an den Kragen willst?" 
Julian zog die Stirn noch finsterer zusammen. 
„Mögen sie doch verstehen, was sie wollen. Ich 
hasse den Markus wie keinen Menschen in der 
Welt, und ich muß meine Rache an ihm haben, 
koste es, was es wolle." Er nahm sich zusammen, 
als er sah, wie entsetzt Engelburg ihn anstarrte. 
„Ich denke, er lüßt's nicht zum äußersten kommen, 
und ich rette mir noch so viel, daß ich hinter 
Dir her übers Wasser kommen kann. Bleibst Du 
bis zum Tag Deiner Abreise hier?" 
Sie schüttelte den Kopf „Kannst Du Dich noch 
auf unsere alte Base von Petersberg besinnen? 
Sie wohnt jetzt in der Stadt und will, daß ich 
noch ein paar Tage bei ihr sein soll. Bis 
Sonnabend gehe ich zu ihr. Wenn wir uns also 
nicht mehr sehen sollten —" sie warf ihrem 
Bruder, der in's Haus gegangen war, einen 
raschen Blick nach und sagte dann hastig, mit 
bebender Stimme: „Julian, komm nicht mehr zu 
uns, meinem Bruder graust vor Dir, laß mich 
die letzten Tage in seinem Hof ohne Zank und 
Streit verleben."
        

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