Full text: Hessenland (8.1894)

Ili 
entbehrlichen Leute sogleich von dem Regimenté zu 
verabschieden. Der Kommandant des Regiments, 
der Reichs-Freiherr Oberst von Speuer (Spener), 
ließ die Leute kommen und sagte ihnen: „sie hätten 
nunmehr ihre Erlassung, und ihr Abschied würde 
sogleich ausgefertigt werden". Ohne sich zu be 
sinnen, oder untereinander zu verabreden, sagten sie 
einstimmig: „Mein Herr Obrister, vor Eröffnung 
des Feldzuges wären wir gerne nach Hause ge 
gangen, weil wir dort wirklich unentbehrlich waren: 
aber nun, während des Krieges, nimmt kein Leib 
dragoner seinen, Abschied." — Was läßt sich nicht 
von Leuten erwarten, die ein solcher Geist beseelt!" 
Aus Hermath und Fremde. 
Kassel, 15. April. Am Sonnabend, den 
14. April, waren 25 Jahre verflossen, seitdem die 
frühere Realschule I. Ordnung, das jetzige Real 
gymnasium, unter des nun verewigten Professors 
Dr. Kreyßig Leitung in's Leben trat. Ursprüng 
lich wurde die Jubelanstalt im Hause von 
Baier & Lewalter in der Wolfsschlucht untergebracht, 
doch war es ihr schon uad) zwei Jahren vergönnt, 
in das neue schöne Heim in der Schomburgstraße 
überzusiedeln, das 1885 durch Erbauung des statt 
lichen Turnsaales eine willkommene Erweiterung 
erfuhr. Zahlreich sind die Männer der Wissen 
schaft und Praxis, in öffentlichen Aemtern und 
Privatthätigkeit, welchen das Kasseler Realgymnasium 
den Grund ihres Wissens und Könnens gelegt, 
denn stets war es das Bestreben der Anstalt, nicht 
für die Schule, sondern für das Leben zu erziehen. 
Wie sie selbst in die Herzen der Schüler die Liebe 
zum Vaterland, zu Kaiser und Reich gepflanzt, so 
zeigte sich anläßlich dieser Schulfeier, mit welcher 
Liebe wieder die alten Schüler an dieser Führerin 
und Lehrerin ihrer Jugend hängen. Selbst von 
weit her waren sie herbeigeeilt, diesen festlichen 
Tag mitzubegehen, wer nicht persönlich zu erscheinen 
vermochte, hatte wenigstens einen schriftlichen oder- 
drahtlichen Glückwunsch gesendet, so auch Se. kgl. 
Hoheit Prinz Heinrich von Preußen, welcher be 
kanntlich eine Zeit lang der Jubelanstalt als 
Schüler. angehört hatte. Zur Vorfeier am Abend 
des 13. April waren von Seiten der Schule im 
Stadtpark-Saale theatralische, musikalische und 
gesangliche Aufführungen veranstaltet worden, welche 
bei dem zahlreichen aus Damen und Herren be 
stehenden Auditorium den lebhaftesten Anklang 
fanden. Im Kostüm wurden fremdsprachliche 
Klassiker, Molière und Shakespeare, in einigen 
Szene:: im Original wiedergegeben, ferner einige 
Eingangs-Szenen aus Schillers „Die Piccolomini". 
Der Haupt -Festnktus wurde am 14. Vormittags 
im Turnsaal der Anstalt abgehalten in Gegenwart 
der Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden. 
Die Festrede hielt Herr Direktor Dr. Wittich, zu 
gleich ein reiches statistisches Material gebend. 
Besonders zu erwähnen ist, daß 257 Schüler in 
den Jahren seit 1875 das Zeugniß der Reise 
erwarben. Der Nachweis der Festschrift gab ein 
erhebendes Bild, indem sie erkennen ließ, wie 
viele tüchtige Männer und nützliche Glieder der 
menschlichen Gesellschaft durch das Kaffeler Real 
gymnasium herangebildet worden. Abends fand 
der von den ehemaligen Schülern veranstaltete Fest 
kommers im Stadtparksaal statt, verbunden mit 
allerhand Ausführungen. Dazu gehörte ein von 
Oberlehrer Prof. Dr. Hornstein verfaßtes sinniges 
Festspiel, welches vortrefflich zur Darstellung ge 
langte. Der von dem Königlichen Hosschauspieler 
Herrn Kothe, auch einem ehemaligen Realgym 
nasiasten, gesprochene schwungvolle Prolog hatte 
ebenfalls Dr. Hornstein zum Verfasser. Die Er 
öffnungsrede hielt Namens des Festausschusses 
Herr Regierungsbaumeister I l l e r t, mit einem 
begeistert aufgenommenen Hoch aus Se. Majestät 
den Kaiser endend. Herr Postrath Hyronimus 
aus Arnsberg sprach Namens der alten Schüler 
und ließ die Jubilarin hochleben. Der zum 
Ehrenpräsidenten des Kommerses berufene Herr- 
Direktor Dr. Wittich toastete auf die alten und 
die jungen Schüler und später aus die Frauen. 
Herr Zahnarzt Förster ließ einen Salamander- 
auf die Gäste reiben und Oberprimaner Fisch- 
mann von seinen Mitschülern einen solchen auf 
das Comitö. Herr Oberbürgermeister W e st e r - 
bürg rühmte den Geist, der von unserem Real 
gymnasium ausgehe, gepflegt durch den Direktor 
und die Lehrerschaft, ihnen galt sein Hoch. Herr- 
AI enges gedachte unseres schönen Hessen 
landes und seiner Hauptstadt Kassel, mit einem 
Hoch schließend. Herr Prorektor Prof. Heuser 
ließ die 257 Abiturienten hochleben, Herr Re 
gierungsbaumeister Kegel die noch wirkenden 
Gründer-, die ersten Lehrer, der Anstalt. Der 
Abend, welcher sich bis in den andern Morgen 
ausdehnte, verlief in der animirtesten Weise und 
wird allen Theilnehmern unvergeßlich bleiben. 
Der Sonntag Nachmittag wurde zu einem Ausflug 
nach Wilhelmshöhe benutzt, wo man sich weiter 
bei Konzert und Tanz vergnügte. Durch Direktor 
Dr. Klöpfer — Kettwig wurde noch die An 
regung zur Gründung eines Vereins ehemaliger 
Kasseler Realghmnasiasten gegeben, welcher jedenfalls, 
nach dem Anklang, den die Idee gefunden, zu 
urtheilen, bald ins Leben treten wird. 
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