Full text: Hessenland (8.1894)

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Geld/' — Aber es half ihm nun nichts mehr, 
daß er ihr ermunternd und beruhigend zusprach, 
und daß er sich gelabte, freundlicher mit ihr zu 
sein, wenn Gott sie wieder gesund mache, mit 
einem letzten angstvollen Aufschrei: „Fort aus der 
schwarzen Mühle!" schied sie für immer von ihm 
und hinterließ ihm,, wenn auch kein Herzeleid, 
doch ein leises beständiges Nagen im Gewissen: 
„Auch Du hast ihr nicht recht gehalten, was Du 
ihr vor dem Altar doch nun einmal versprochen 
hattest." Aber jenes leise Nagen ging bald in 
Sorgen und Schmerzen von viel schlimmerer 
Art unter. Mit seines Vaters und seinem Be 
sitzthum eilte es zu Ende. Fast so schnell wie 
mit dem wenigen Korn, welches sie noch zu 
mahlen hatten. Die vielen Unglücksfälle in ihrer 
schon auf wankenden Füßen stehenden Wirthschaft 
hatten ihr die ersten lebensgefährlichen Streiche 
versetzt, den Todesstoß gab ihr ein anderes: der 
alte Müller stand auf einmal in dem Verdachte 
zu betrügen. Wer ihn zuerst ausgesprochen hatte? 
Aus alter und neuer Irrt. 
Zu den weniger bekannten Zeugnissen über die 
Kriegstüchtigkeit der Hessen dürfte eine 
Mittheilung in Girtanners „Politischen Annalen" 
Band III. gehören, die wir einem Aussatze „Die 
Frankreicher in Deutschland" entnehmen. Es handelt 
sich um die Leistungen des hessischen Korps im 
Feldzuge von 1792 und der Korrespondent, nachdem 
er vorher Oesterreicher unb Preußen einer ein 
gehenden Schilderung gewürdigt hat, schreibt: 
„Dem hessischen Korps, welches mit den beiden 
Armeen vereinigt, iiüs Feld rückte, kam (selbst nach 
dem einstimmigen Zeugnisse der Frankreicher, welche 
dasselbe ausmarschiren sahen) nichts all Schönheit 
gleich. Nachdem die unglücklichen Emigranten schon 
aufgehört hatten, ein Ganzes auszumachen, hörte ich 
mehrere unter ihnen in einer Art von Begeisterung 
von den Hessen sprechen und ausrufen: „Ah si 
nous avions eu, nous seuls, douze mille de ces 
braves Hessois, et qu'on nous eut laissé faire, il 
y a long-temps que nous sérions à Paris!“ 
Ausgemacht ist, daß man keine fürchterlicheren 
Feinde für die Frankreicher hätte finden können als 
die Hessen. Die Bäter der jetzt lebenden Gene 
ration haben, wie bekannt, sieben ganze Jahre 
lang mit Muth und Tapferkeit und beinahe immer 
siegreich gegen sie gefochten. Ein großer Theil des 
jetzigen hessischen Korps hat abermals Jahre lang 
diesen Kampf in Amerika gegen sie fortgesetzt. Man 
kann also beinahe mit Gewißheit behaupten, daß es 
Ja, wer wußte das noch, als Julian zuerst davoll 
erfuhr? Jedenfalls war er auf günstigen Bodell 
gefallen, das merkte er bei derselben Gelegenheit, 
als er nämlich einige Wochen nach dem Tode 
seiner Frau zürn erstenmal wieder das Dors- 
wirthshaus betrat. Merkte es an dem mehr 
oder weniger geschickt ausgeführten Manöver der 
Bauern, dem Zusammensitzen mit ihm auszuweichen, 
an den mehr oder weniger schonungslosen Be- 
merkungen über seinen Vater, die er zu hören 
bekam. Und aus eilte Abwehr dieser Bemerkungen 
konnte er sich nur dieses eine Mal einlassen; er 
brachte es nicht mehr fertig, mit Mund und 
Faust zugleich für die Ehre seines Vaters eut= 
zutreten, nachdem er btefett irrt halben Rausch 
über einen Vertrag mit dem Handelsmann Markus, 
seinen Hauptgläubiger, hatte plaudern hören, 
einen Vertrag, welcher darauf hinaus lief, biefett 
und sich selbst durch einen falschen Bankerott 
herauszureißen. 
(Fortsetzung folgt.) 
nicht Eillell geborenen Hessen gebe, welcher nicht vor 
Begierde den Verlust eines Vaters, eines Bruders 
oder doch wenigstens eines Waffenbrilders an diesen 
seinen alten Feinden zu rächen brenllen sollte. Ein 
solcher Haß wird in diesem, von Natur so muthigen 
und kriegerischen Volke dadurch noch mehr genährt, 
weil das Land noch bis jetzt die Folgen des sieben 
jährigen Krieges schmerzhaft fühlt, zu welcher Zeit 
die Frankreicher dasselbe hart bedrückten. Auch mag 
es zu dieser Erbitterung beitragen, daß unter der 
vorigen Regierung verschiedene Frankreicher, ans Un 
kosten manches Eingeborenen, der ihrentwegen zurück 
gesetzt wurde, ein ebenso glänzendes als wenig dauer 
haftes Glück machten. Schon bei den Spielen der 
Kinder wird Derjenige, welcher den Feind vorstellt, 
bloß mit dem Namen Franzos bezeichnet. Der 
Tag der Eroberung von Frankfurt hat bewiesen, 
wie wenig schonend die Hessen mit diesen ihren 
Feinden umgehen. 
Die beinahe Spartanische Denkungsart der Hessen 
mag Folgendes beweisen. Als, im vorigen Frühjahr, 
das Leibdragoner-Regiment mit demjenigen Theile 
der Hessischen Truppen marschirte, die zu Hülfs- 
völkern der beiden vereinigten Armeen bestimmt 
waren: da fanden sich verschiedene Leute, deren 
häusliche Umstände sie in die Nothwendigkeit setzten, 
ihren Abschied fordern zu müssen. Die hierzu 
nöthigen Beweise konnten nicht sogleich herbeigeschafft 
werden: diese Leute mußten also weiter dienen. 
Gleich nach der Rückkehr des Korps ans Frankreich 
befahl das Kriegsgericht, die zu Hause höchst un-
	        

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