Volltext: Hessenland (8.1894)

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durch's Dorf hinab und der Herrenmühle zu- 
fchwankte. Ein stolzer Brautwagen war es, 
wenige Leute konnten sich erinnern, je einen ge 
sehen zu haben, der so hoch und mit so viel 
schönem Heirathsgut geladen war. Aber wie bunt 
auch die Blumensträuße und Bänder waren, 
welche die kräftigen Zugpferde am Zaumzeug intb 
die Fuhrleute an den Mützen trugen, und wie 
laut auch die Flintenschüsse und Juchschreie der 
nebenhergehenden Burschen erklangen, einen fröh 
lichen Anblick gewährte der kostbare Brautwagen 
der Josepha nicht. Dazu starrte sie selbst, die 
vorn auf dem Wagen vor der schön gemalten 
Leinwandtruhe saß, viel zu finster in's Leere 
hinein, dazu war der Julian, der neben ihr 
lehnte, ein viel zu blasser, schweigsamer Bräutigam. 
Sie hatten wohl beide Grund genug zu menschen 
feindlichen Gedanken. Der Josepha war, als sie 
aus ihrem Dorfe wegfuhren, ihr alter Schatz 
über den Weg gesprungen und hatte mit einem 
ausgelassenen Juchzer seine Mütze hoch in die 
Luft geschleudert, dem Julian grauste vor dem 
Augenblick, in dem sie ani Mauerhof vorüber 
kommen würden. Er hatte ihm ausweichen wollen. 
„Das Gewitter wird bald losbrechen," hatte er 
unterwegs zu seiner Braut gesagt, „wäre es nicht 
besser, wir führen auf dem kurzen geraden Feld 
weg statt auf der langen Landstraße zur Mühle?" 
Aber da war ihm die Josepha so scharf in die 
Rede gefallen: „Schämst Du dich mit mir ins 
Dorf zu kommen?" daß er sich auf die Lippe ge 
bissen hatte und noch um einen Schein bleicher 
geworden war. Der Wagen war keine hundert 
Schritte mehr vom Mauerhos entfernt, da er 
füllte sich Julians Wetterprophezeiung: Blitz 
auf Blitz fuhr aus den weißgrauen Wolken, der 
Donner krachte, ja brüllte geradezu, und ein 
Hagelschauer prasselte auf das Dorf hernieder. 
Es sah toll genug aus, wie die scharfen glitzernden 
Körner die geschmückten Pferde und den blanken 
Hausrath des Brautwagens umhüpften, selbst 
Josepha sah das trotz aller Angst und ein kaltes 
Lächeln zuckte um ihren Mund. Nur Julian 
merkte kaum etwas von dem Aufruhr in der 
Luft. Er sah nur das Mädchen, das vor dem 
Mauerhofe stand, und dem der Hagel unbarmherzig 
in das regungslose Gesicht und in die wirren 
braunen Löckchen über der Stirne schlug, das 
Mädchen, welches er liebte mit jedem Schlag 
seines Herzens und von dem er doch nun scheiden 
mußte fürs ganze lange Leben. So wurde er 
auch nicht die lahme Barbara gewahr, die Dorf 
hexe, die aus ihre Krücke gestützt mühsam an 
den Häusern hin hinkte und aus ihren rvth- 
umränderten triefenden Augen den ihr entgegen 
kommenden Wagen musterte. Der Fuhrmann 
sah sie dafür um so besser und durch das Un 
wetter schon in Zorn versetzt, rief er ihr drohend 
zu: „Aus dem Weg, alte Vogelscheuche, oder 
ich zeige Dir mit der Peitsche, wo Du hingehörst." 
Und da hörten denn auch Julian, Josepha und 
Engelburg, was das boshafte Bettelweib zur 
Antwort gab: „Allen Heiligen sei's gedankt, daß 
das nicht dort ist, wo ihr hinfahrt. Schwarz 
war die Herrenmühle immer, aber heute zieht das 
gebrannte Herzeleid selber ein. Denkt an mich heute 
in drei Jahren, wenn ihr dann noch lebt." 
Alle Weissagung, selbst die, welche dem unlautern 
Mund eines gekränkten, übelwollenden Weibes 
entstammt, hat die Eigenschaft, im Gedächtniß 
zu haften; so lange die jammervolle Ehe zwischen 
Julian und Josepha währte, und so viel sie in 
derselben vergaßen, eins wurden sie nie lvs, eins 
warfen sie sich immer wieder vvr: die Worte der 
Bettlerin. „Wie konnte ich nur so unsinnig sein, 
meinen Fuß in dieses Unglückshaus zu setzen?" 
murmelte Josepha, als das eine Pferd ein Bein 
brach, und das andere so lange krank im Stall 
stand, bis der Thierarzt sagte: „Es wird nicht 
wieder, gebts dem Schinder;" als der Mühlknecht 
nnter's Rad fiel und monatelang im Land 
krankenhaus liegen mußte, und als ein Wvlken- 
bruch ihre besten Aecker verwüstete Und wenn 
der Gerichtsbote wieder und wieder kam, um zu 
pfänden, weil die Gläubiger zu ihrem Geld kommen 
wollten, dann sagte Julian kurz und herb: 
„Daran bist Du schuld mit Deinem bißchen Geld, 
daß uns jetzt niemand mehr borgen will. „Hast 
ja eine reiche Frau, da kannst Du baar zahlen," 
heißt's überall. Als ob von Deinen zwanzig 
tausend Mark auch nur noch ein Pfennig da 
wäre." 
Es war ein Glück, daß die Qual ihres 
Zusammenlebens kaum zwei Jahre dauerte. Im 
zweiten Sommer erkrankte die Müllerin plötzlich, 
an Brust- und Nervenfieber, wie es im Dorfe 
hieß, an einer heftigen Lungenentzündung, wie 
der herbeigerufene Kreisarzt feststellte, und war 
nach wenigen Tagen todt. Die letzten Stunden 
ihres Lebens waren für Julian eine Zeit bitterster 
Erkenntniß. „Fort aus der schwarzen Mühle! 
Fort aus der schwarzen Mühle!" rief sie während 
derselben, von beängstigenden Phantasien verfolgt, 
fast unustterbrocben. „Sie haben mich hinein 
gebracht, damit ich den Ottmar — das war ihr 
einstiger Geliebter — nicht mehr sehen solle. 
Ich sehe ihn aber doch. Juhu, da springt er 
quer über den Weg, unb mir schlägt der Hagel 
in's Gesicht. O wie dunkel ist's hier und wie 
kalt! Und ich hatte doch so viel Geld, so viel
        

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