Full text: Hessenland (8.1894)

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wo jetzt die Turnhalle und die Kramer'scheu 
Häuser stehen. Von da bis nach Ziehers hin 
war alles wohlbestelltes, fruchtbares Ackerfeld. 
Nur ein einziges Gebäude stand hier, das alte 
St. Nikolaus - Hospital, welches jetzt abgebrochen 
worden ist. 
Vom Petersthore ging die Stadtmauer bis 
zum Kohlhänser Thor vor dem Hospital zum heiligen 
Geist, welches schon in seiner jetzigen Gestalt be 
stand, worin auch das Zucht- und Arbeitshaus 
untergebracht war. Von hier ging die Mauer 
am äußeren Graben zum Abtsthore und setzte 
sich als Abgrenzung der Domdechanei und des 
Benediktinerkonventes bis zum Schulthor und 
um die Propstei Michaelsberg wieder zum Paulus 
thore fort. Alles, was außerhalb der Stadt 
mauern und Thore lag, waren Vorstädte, nämlich: 
1) die Petersgasse, vor der das städtische Schützen 
haus, das 1791 ail Peter Maier verkauft worden, 
sich befand und zu bürgerlichen Belustigungen diente, 
2) die Florengasse, vor welcher das Kapuziner 
kloster lag, welches zehn Jahre später vom Erb 
prinzen von Oranien zum Landkrankenhaus um 
gebaut wurde, 3) die Löhersgasse, vor der sich 
noch die uralte Ziegelmühle und die Hornungs 
mühle befinden, 4) die Altenhöfer Ober-, Mittel 
und Untergemeinde, jetzt Tränke, Lengsfeldergasse 
unb Königstraße, 5) die Hinterburg von dem 
Schulthore bis zur langen Brücke. 
So sah also Fulda vor 100 Jahren aus. 
Der Handel und Wandel drehte sich theilweise 
um den Hof, theilweise um den hier sehr ent 
wickelten Straßenverkehr zwischen Leipzig und 
Frankfurt a. M. Alle einschlägigen Gewerbe 
waren hoch entwickelt. Infolge der vielen Hof 
bauten im 18. Jahrhundert blühten die Bau- 
geschäfte. Hervorzuheben wäre besonders die 
Stukkatur. In den Schlössern, in der Orangerie, 
Domdechanei und aus der jetzigen Domäne 
Johannesberg sehen wir Stukkaturarbeiten, wie 
sie heute nicht mehr gemacht werden. Ferner 
blühte die Kunstschreinerei; der alte Hofschreiner 
Arnd verfertigte namentlich herrliche Schränke 
und Cylinderbureaux, wie sie noch in alten 
Fuldaer Familien vorhanden sind und leicht 
Kaufliebhaber finden, die dafür hohe Preise 
bezahlen. Von Industrie ist die fürstliche 
Porzellanfabrik bereits erwähnt worden, sonst 
wäre nur die Leinweberei zu nennen, welche 
sowohl in der Stadt als aus dem Lande viele 
Leute ernährte. Die Leute Fuldas waren fleißig, 
wenn auch etwas behäbig und langsam in der 
Arbeit. Vergnügungen waren selten; an den 
Sonntagen und vielen Feiertagen durften rauschende 
Festlichkeiten nicht stattfinden. Nur die Kirchweih 
und Fastnacht machten eine Ausnahme, da wurde 
ordentlich getollt. Außerdem wären die häufigen 
Brunnen- und Kindzechen zu erwähnen. Bei 
jedem Brunnen versammelte sich jährlich zum 
Gedächtniß der Gründung die ganze Umgebung 
und Nachbarschaft; ein hervorragender Bürger 
wurde als Brunnenherr gewählt. Das Endziel 
war Essen, Trinken und Tanzen. Die Kind 
zechen waren erweiterte Tauffestlichkeiten unter 
den Freunden und Bekannten der Eltern, wurden 
später aber auch ohne Täuflinge gehalten. Ueber- 
haupt kannte man nur in der vornehmen Be- 
. Dotierung gesellschaftliches Leben; die Bürgerschaft 
zechte und schmauste hauptsächlich zusammen bei 
Familienfesten. Der Fuldaer lebte übrigens 
nicht schlecht, es war ja alles so billig. Im 
Jahre 1793 kostete vom besten Ochsenfleisch das 
Pfund 6 Kreuzer, das beste Kalbfleisch 5, 
Hammelfleisch 6, Schweinefleisch 6 Kreuzer, das 
Malter Weizen 10 Gulden, Roggen 8, Hafer 
4—5 Gulden. Wild gab es sehr reichlich, außer 
Hasen, Rehen, Hirschen waren Rebhühner, Fasanen, 
Schnepfen, Auerhähne und Birkhähne nichts Außer 
gewöhnliches. Für den Hasen wurde etwa 30 Kreuzer 
bezahlt, man konnte aber für den Balg auch 
wieder 18—24 Kreuzer erhalten. Ein Auerhahn 
kostete 48, ein Birkhahn 36, eine Schnepfe 24 
und ein Rebhuhn 12 Kreuzer. 
Gestatten Sie mir, Ihnen zum Schluß noch 
einige Aeußerungen zeitgenössischer Schriftsteller 
über Fulda mitzutheilen. In einem Buche von 
1874 „Briefe eines reisenden Franzosen über 
Deutschland" (S. 252) lesen wir: „Der jetzige 
Fürst von Fuld ist ein Mann von Geschmack, 
guter Lebensart und liebt den Aufwand. Er 
denkt äußerst tolerant und nennt den Papst bei 
Tische seinen Herrn Bruder. Er ist ohne Ver 
gleich der reichste Abt der katholischen Welt, aber 
zugleich auch Bischof. Die Residenzstadt Fuld 
ist ein hübscher und ziemlich lebhafter Ort, und 
ich fand viel bessere Gesellschaften, als ich erwartet. 
Es fehlt dem kleinen Ort an liebreizenden Mädchen 
nicht." Darauf sagt er vom Würzburgischen 
Lande (S. 255): „Der Ackerbau scheint in diesem 
Lande sehr gut bestellt zu sein, allein in Rücksicht 
auf die bürgerliche Industrie ist es noch weit 
hinter Norddeutschland und auch sogar hinter 
dem angrenzenden Fuldischen zurück, welches Land 
wenigstens eine unbeschreibliche Menge der schönsten 
und feinsten Damastleinwand verfertigt und 
damit sowie auch init grober Leinwand einen 
sehr ausgebreiteten Handel treibt, da hingegen 
Würzburg keine Art von einem ähnlichen bürger 
lichen Gewerbe hat. Da die Fuldischen Bauern 
sich im Winter mit Spinnen und Weben be-
	        

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