Full text: Hessenland (8.1894)

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und Zünfte handelt, wvhnt der Oberschultheiß den 
Sitzungen bei. Sonst war dieser auch Richter 
des peinlichen Gerichts, jetzt nicht mehr; es hat 
seinen besonderen Richter, drei Beisitzer und einen 
Aktuarius. — Ihre Einkünfte bezieht die Stadt 
ans dem Geschoß von Häusern, dann von Personen, 
die keine Bürger sind nnd doch bürgerliche Nahrungs 
zweige betreiben; vom Vieh, welches dergleichen 
Leute halten, denn der Bürger ist hierin frei; 
außerdem vom dritten Theile eines gewissen Licents, 
der auf dem Verkaufe von Waaren der Kassel'schen 
Kaufleute an auswärtige sonst lag, Zins genannt; 
er ist aufgehoben und wird durch eine nach einem 
gewissen Durchschnitte von mehreren Jahren be 
stimmte Summe ihr von der Kammer bezahlt; 
endlich bezieht die Stadt Einkünfte von zwei 
Dritteln der Zapfengelder von Rhein- und Franz 
wein, vom Branntweinschenken und einem so 
genannten Druselgelde für die Wasserleitungen, 
endlich vom Vermiethen der der Stadt zugehörigen 
Gebäude. Diese Einkünfte sollen aber in neuerer' 
Zeit nach und nach mehr ab- als zugenommen 
haben. Von Kassels Konsumtion kann aus 
Ursachen, die im Verpachten des sogenannten 
Fleischhellers liegen, sowie aus anderen Gründen, 
keine bestimmte Nachricht gegeben werden. 
„Ein Landgericht, das aus dem Oberschultheiß, 
dem Oberrentmeister, einigen Beisitzern und einem 
Aktuarius besteht, nimmt nebst dem Bürgermeister 
in der Altstadt und der Oberneustadt Bürger auf 
und übt Gerichtsbarkeit über die in der Stadt 
befindlichen Fremden, über die Juden und die 
Dörfer der sogenannten drei Kassel'schen Aemter 
aus, sie heißen das Amt Baun«, das Amt Ahna, 
das Amt Neustadt und begreifen noch andere Ab 
theilungen in sich und erstrecken sich auf die nächste 
Umgegend der Hauptstadt. Vorzüglich gehört dazu 
der Weißenstein mit seinem Kirchspiel. 
„Die Besatzung in Kassel besteht gegenwärtig 
aus dem Regiment der Garde du Corps, aus 
dem Stabe und einer Wache der Gensd'armes, 
aus den drei Regimentern Garde, von welchen 
das zweite aus Grenadieren besteht, aus dem Leib 
füsilierregiment, dem Regiment Landgraf und 
dem Regiment Artillerie. Diese haben alle ihre 
Kasernen. Noch gehört zu dem Kriegswesen ein 
vom Landgrafen Karl im Anfang des Jahr 
hunderts erbautes Gießhaus für schweres Ge 
schütz. 
„Was die Art zu leben und die Sittlichkeit 
der hessischen Hauptstadt betrifft, so ist Folgendes 
zu bemerken. Was zunächst den Preis von Haus 
miethe und Lebensmittel angeht, so hängt solcher 
freilich in einer Residenz vom Hose und dem 
größeren oder geringeren Aufwande desselben ab, 
denn nach ihm als der tonangebenden Stimme 
richtet sich alles das, was jeder in seiner Art zu 
leben thun oder lassen soll. Hiernach schränkt 
man unter der jetzt herrschenden ökonomischen 
Hofhaltung, welche einigen Luxus der vorigen 
Zeit verbannte, int Grunde sich jetzt mehr ein 
als sonst. Darnach stieg oder fiel die Hausmiethe, 
welche in Vergleichung mit anderen Städten, auch 
z. B. jetzt mit Marburg, mäßig ist, da zumal 
unter der vorigen Regierung die Anzahl größerer 
nnd weiterer Häuser sich ansehnlich vermehrt hat. 
An der Zufuhr von Lebensmitteln fehlt's nicht, 
es scheint, daß die Bäcker, noch mehr aber die 
Metzger in großen Vortheilen stehen. Diese 
letztern sind größtenteils beritten. Ob nun gleich 
eine Zunft zu Pferde Beweis für den Wohlstand 
einer Stadt ist, so kvmmt's doch immer aus das 
Verhältniß an, nach welchem der fleischessende 
Einwohner seinen Antheil Hafer für diese Reiterei 
bezahlen muß. — Kassel ist nach Niedersachsen zu 
die letzte Stadt, wo Rheinwein der gewöhnliche 
Wein ist, und wo Franzwein anfängt. Alan 
trinkt beide, und eine Familie von Mannheim, 
die seit etwa 30 Jahren hier besseres Bier braute 
und gar wenig mitbrachte, hat in der Zeit für mehr 
als 30 000 Thaler an Häuser angekauft. Der 
Soldat, ohne welchen der kriegerische Hesse sich so 
wenig denken läßt als Holland ohne Matrosen, 
und das Bauen der Fürsten verbessert Kassels 
Nahrungsstand. — Jeder Fremde und Einheimische 
von einigem, auch ziemlich hohem Range, kann 
hier ungetadelt und frei, so zurückgezogen und 
wohlfeil leben, auch von Kassels Vortheilen 
Gebrauch machen, als er will. Kassels Lebensart 
ist ungehinderter, freier und natürlicher als die 
in den nördlicher gelegenen Residenzen Deutschlands. 
Sie hat nicht manches Steife, das sonst den 
Deutschen eigen ist, und manches Französische, 
das unlächerlich ist. Gegen Kassels Sittlichkeit 
läßt sich nichts sagen. Der Bürger arbeitet gerne, 
will dann freilich auch seines Lebens mehr genießen 
als die Bürger anderer Städte. Doch zeichnet 
er sich in einem gewissen guten Leben mehr aus 
als der Civilbeamte von: Mittelrang. Die Ein 
gezogenheit, auch Haushaltigkeit, mit welchen der 
Beamte von höherem Range lebt, wird allmälig 
Regel für jenen. Ueber Ahnenstolz in Kassel 
kann man nicht klagen; der Adel ist gefällig und 
höflich. Ueberhaupt hat die Hofetikette keinen 
Einfluß auf die Gesellschaft in der Stadt. Die 
Stände unter einander verlieren sich allmälig in 
mehreren sogenannten Klubs. Ob das sonst be 
sonders unter mehreren Abendmahlzeiten von 
Familieil, Freunden und Bekannten, auch in 
mehreren Weinhüusern und einigen öffentlichen
        

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