Full text: Hessenland (8.1894)

96 
war nach langem Säumen herbeigekommen, der 
Herrenmüller hatte eine reiche Braut für seinen 
Sohn ausgemacht. Eine einzige Tochter aus 
einem großen Hofe, nicht gerade hübsch, nicht 
gerade freundlich, nicht gerade gutherzig, aber das 
wäre ja auch zu viel des Glückes gewesen bei den 
zwanzigtausend Mark, die sie baar mitbekam. 
Es war überhaupt schon wunderbar, daß sie den 
Julian haben wollte. Sie hatte nämlich einen 
Burschen ihres Dorfes über alle Maßen gern 
gehabt. Der aber war ihr aus dem Wege ge 
gangen und hatte Verspruch mit einer andern 
gehalten. „Ihr Geld nähm' ich schon," hatte er 
bei dieser Gelegenheit im Scherz gesagt, „sie selber 
aber nicht, und wenn sie noch viel mehr hätte. 
Und wie es mir geht, so wird es wohl allen 
gehen." Das war ihr zu Ohren gekommen, und 
in Schmerz und Zorn hatte sie sich gelobt, am 
selben Tag Ivie der einst Geliebte und nun Ge 
haßte Hochzeit zu halten, Hochzeit zu halten mit 
einem wenn möglich viel hübschern, stattlichern 
Burschen und dadurch zu zeigen, daß es nicht 
„allen gehe wie dem einen", ja daß sie nur die 
Hand auszustrecken brauche, um Liebe und Eheglück 
zu haben. Da war es denn dem Herrenmüller, 
der durch einen Handelsjuden von der reichen 
Josepha gehört hatte, nicht schwer geworden, ihr 
Jawort für seinen Sohn zu erlangen. Ein Mann 
wie der schöne Julian, — sie hatte ihn gesehen, 
als er bei den Soldaten war und einmal auf 
Urlaub kam —, war ja alles, was ihr fehlte; 
daß er Schulde« und einen Schatz in seinem 
Dorfe hatte, was lag ihr daran? Er konnte ihr 
ja dann auch keinen Vorwurf daraus machen, 
daß sie ihn aus Trotz geheirathet hatte. 
Es war an einem schwülen Juniabend, als der 
Julian der Engelburg erzählte, was ihm und ihr 
bevorstehe. Sie hatte auf der Wiese ihres Bruders 
oben ain Mühlbach Wäsche gebleicht und getrocknet 
und kehrte mit dem Rest derselben zum Dorfe 
zurück, als sie den Müllerssohn über den Steg 
gerade auf sich zu eilen sah. Sogleich fiel ihr 
sein blasses, verstörtes Gesicht auf. 
„Was hast Du, Julian?" rief sie ihm entgegen. 
Er trat dicht vor sie hin und griff nach ihrer 
Hand. „Gut, daß Du mir's so leicht machst, 
Dir das zu sagen," versetzte er dabei mit gepreßter 
Stimme. „Ich habe nämlich wirklich etwas, 
etwas, woran Du nicht denkst, etwas, woran ich 
selber heute Nachmittag noch nicht dachte, mit 
einem Wort, ich habe seit einer Stunde eine 
Braut." 
„Julian!" Der Pack Wüsche, welchen Engelburg 
auf den; Arme trug, fiel zu Boden. Fast entsetzt 
blickten ihre blauen Augen. Dann schüttelte sie 
den Kopf, „Du willst mir einen Schrecken ein 
jagen wie danials, als ich glauben sollte, Du 
müßtest die Mariann aus der Schmiede heirathen." 
Er lachte laut. „Ja, ich weiß noch, was das 
für ein Spaß war. O wäre es doch heute wieder 
einer! Aber heute ist's Ernst, und Niemand 
hilft uns davon." 
Sie bückte sich zu ihren Wäschestücken hinab 
und hob sie langsam auf, jedes einzelne sorgsam 
glatt streichend. „Wer ist's?" fragte sie dabei 
gedankenlos. 
Er sah ihr eine lange Weile bei der Arbeit 
zu, ehe er antwortete. „Was weiß ich," sagte 
er endlich obenhin, „ein Mädchen aus einem Hos 
irgendwo dort hinten, — er bezeichnete mit dem 
Ellenbogen eine schlecht erkennbare Richtung —, 
aber sie wird beim Verspruch zwanzigtausend Mark 
hergeben, darauf kommt's bei uns an." 
Sie war mit ihrem Wüschezusammenlegen fertig. 
„Weißt Du schon, daß der Hannes vom Wiesenhof 
in drei Wochen nach Amerika geht?" fragte sie, 
sich wieder emporrichtend, in demselben gedanken 
losen Ton, mit dem sie vorher gesprochen hatte. 
Er nickte. „Meinst Du, ich hätte nicht daran 
gedacht, es zu machen wie der? Und ich hätte 
meinem Vater nicht damit gedroht? Aber dem 
graut nur vor den Juden, die ihn am Kragen 
haben, und die hetzen ihn noch in den Mühlgraben, 
wenn er sie nicht bald bezahlt." Sie schwieg, 
und beide lauschten eine Zeitlang dem Gemurmel 
der Wellen zu ihren Füßen. Endlich raffte sich 
Engelburg zusammen. „Ich muß heim und die 
Kühe füttern. Laß Dir's mit der jungen Frau 
immer recht gut gehen." Es klang wie schärfster 
Hohn, obgleich sie wohl nicht daran dachte zu 
verhöhnen. Ihr war überhaupt nur daran gelegen, 
dem Burschen, so bald wie es irgend anging, aus 
den Augen zu kommen. So heiß sie ihn liebte, 
das brauchte er doch nicht zu sehen, daß sie vor 
Jammer fast zusammenbrach. Daß sie auf diese 
Weise auch nicht sah, wie elend ihm zu Muthe 
war, was schadete das? Sie hätte ihn, der sich 
verzweifelt in's Ufergras warf, als sie davon 
gegangen war, ja doch nicht mit einem Trostwort 
aufrichten können; er mußte ja nach Geld heirathen, 
und sie hatte keins. 
(Fortsetzung folgt.)
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.