Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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und wächst aus ihm heraus, wie der Kern aus dem 
Samen. Was man mit Gebet und Arbeit ehrlich 
erworben hat und treu, das bleibt dann im Hause 
und wandert nicht in Saus und Braus ins Wirths 
haus oder mit Seufzen ins Leihhaus oder zum Schorn 
stein hinaus. 
3) Klein und rein. Klein, das will sagen: 
einfach, bescheiden, demüthig. Rein, das will sagen: 
frei von Unrecht und ohne Schulden. Am Hochmuth 
und am Borgen gehen gar viele zu Grunde. Sie 
wollen Herr sein, sich dienen laßen, aber nicht dienen. 
Das Borgen ist ein Unglück; doch ists leider nicht 
immer und überall zu vermeiden. Gar zu leicht ge 
wöhnt man sich daran. Holz im Wald und Schulden 
wachsen alle Tage, sagt ein lüderlich Sprichwort. 
Laßt ihr das Holz wachsen; das ist ein Segen Gottes, 
Wenns wächst. Aber eure Schulden laßt nicht wachsen, 
denn die machen euch bankerott. Anfangen ohne Schul 
den ist ein großer Segen; Fortsetzen ohne Schulden 
ein noch größerer; Endigen ohne Schulden der größte. 
Aber ich habe auch Leute gekannt, die mit Schulden 
anfiengen, und das wurde auch zum Segen; denn sie 
strebten, dieselben zu bezahlen, weil sie die Qual der 
Schulden fühlten, und hüteten sich vor neuen. 
4) Behalte die Freude im Hause. Das klingt 
seltsam und doch ists viel werth. Es ist keine Freude 
erquickender, als die, an welcher Frau und Kinder 
Theil nehmen. Auch der Handwerksmann und der 
treue Arbeiter muß seinen fröhlichen Tag einmal haben, 
aber nur keinen blauen Montag. Wenn man am 
Sonntage in der Kirche war, gebetet und in Gottes 
Wort gelesen hat, so ist der Nachmittag nicht ent 
weiht, wenn der Hausvater sich mit Frau und Kin 
dern eine unschuldige Freude gönnt im Hause, oder 
auch einen Gang ins Freie. Geht er aber allein ins 
Wirthshaus, so trägt er die Freude aus dem Hause fort. 
5) Fleißiger Hausvater macht hurtig 
Gesinde. Dem Fleißigen guckt der Hunger wohl ins 
Fenster, kommt ihm aber nicht ins Haus. Des Herrn 
Auge macht die Pferde fett. Selbst gesponnen, selbst 
gemacht, rein dabei, ist Bauerntracht. Die Kart 
und die Kanne machen manchen zum armen Manne. 
Der Mann muß etwas erwerben, die Frau muß nichts 
laßen verderben, sonst müßen sie beide am Bettelsack 
sterben. Viererlei dich niederziehe zum Gebet auf 
deine Knie: Christi Wille, Christi Fülle, dein Ge 
brechen, sein Versprechen. Fang dein Werk mit Beten 
an, 's ist um die Hälfte dann gethan. Strecke dich 
nach der Decke, sonst kommst du mit den Füßen in 
das Stroh. Tanzen, Kartenspiel und Wein reißen 
große Häuser ein. Wo Eintracht den Tisch deckt, 
sitzt der liebe Gott allemal mit zu Gaste. 
6) Gute Dienerschaft. Sorg stets für gute - 
Dienerschaft! Die Knechte heißen: Selbstgeschafft- . 
und Spätzubett und Aufbeizeit. Die Mägde: . 
Ordnung und Reinlichkeit, als dritte nimm ^ 
Geduld ins Haus, die hilft dir ein, die hilft dir . 
aus. Als Hausarzt nimm den Fleiß dir an, der 1 
ist der wahre Wunderinann, der ohne Saft und ohne: ' 
Pillen aus Seel und Leib dir treiben kann die Dünste j , 
und die Drillen. Durst, Hunger heißen Scheu! 
und Koch; hab auch zwei Edelknaben noch, genannt^ 
Gebet und gut Gewitzen, die, bis du schläfst, ? 
dich wiegen müßen. 
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Herr Michel. ' ja 
Michel war des alten Pächters Merten Knecht; £ 
doch nach wenig Wochen fand er nichts mehr recht! ’’ 
Kuchen mager, Butter alt, Bette hart und Stube kalt! e 
Wenn die Erbsenschüßel auf dem Tisch erschien, [j 
tunkt er seinen Löffel umgewendet drin, und daN»! » 
sprach er spöttiglich: Klebst du dran, so eß ich dich4 ^ 
Bald des Dienens müde, sann er hoch umher,! 4 
nahm ein Weib und dachte: ha, nun bin ich Herr!« ^ 
Doch so mancher Iugendtraum ist gar oft nur bunter! 
Schaum. ] jt 
Ach, das eigne Tischchen deckt sich nicht so leicht, 
wie es am fremden Herde manchem Michel däuchti! Z 
auch der unsre fand ums Jahr diesen Spruch »nr« ^ 
allzu wahr. I 
Sehnte sich mit Schmerzen, aber, ach! zu spät- tt 
nach der Erbsenschüßel und dem harten Bett. Immer th 
größer ward die Noth und die Sorg ums trockne Brot! t» 
Nun zum alten Wirthe tritt er flehend ein, eine»! ^ 
halben Scheffel Erbsen ihm zu leih». Jener schweigt! in 
und führet ihn nach der Vorrathskammer hin. ^ 
Hier am Erbsenhaufen stehn sie still und stumw, st 
Merten vor dem Scheffel kehrt die Schaufel uwst . 
stößt sie ein und spricht für sich: Klebst du dran, st , 
meß ich dich! Ut 
Michel weint. Der Alte siehts und spricht nüt ^ 
Ernst: Wohl dir, wenn du weinen und dich beßerD ^ 
lernst! Nimm die Erbsen zum Geschenk und sei meinck 
eingedenk! l 
Dächten alle jungen Brüder Michels doch an de» I 
Erbsenhaufen und den Doppelspruch: Klebst du drat, s Ul| 
so eß ich dich! Klebst du dran, so meß ich dich! s §
	        

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