Full text: Festschrift zum 150. Jubiläum des Staatlichen Friedrichsgymnasiums zu Kassel

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weise vernachlässigt worden. Die Schuld lag keineswegs immer an der 
fehlenden Einsicht der Lehrer und Schulleiter. Die Jahresberichte beweisen, 
daß diese Rückständigkeit von der Schule langst lebbaft empfunden und bitter 
beklagt wurde. Aber es gefchab von oben wenig oder nichts, um dem Übel 
stande abzuhelfen, wenn in dem immer, insbesondere auch für das Schul 
wesen, als Vorbild dienenden Königreich Preußen noch im Jahre 1619 die aus 
heißer Liebe zur Jugend und zu seinem Vaterlande entsprungenen Versuche 
und Bestrebungen des Turnvaters Iahn mit der amtlichen Schließung seines 
Turnplatzes und zweijäbriger Festungsbaft des Leiters endeten, so dürfen wir 
uns nicht wundern, daß unser Lyceum hier in jenen Tagen noch keinen eigent 
lichen Turnunterricht kannte. Ich erwähnte schon, daß der erste Versuch eines 
solchen im Iabre 1832 gemacht wurde. Der Name dieses Mannes, der aus 
Liebe zur Jugend in uneigennütziger weise sich der körperlichen Ausbildung 
seiner Schüler annahm, darf in den Annalen der Schule nicht vergesten 
werden, es war, wie schon oben erwähnt, der Pfarrer Tollmann. Zunächst zog 
er die kleinsten heran; aber zwei Iabre später eröffnete er auf dem Schulbof 
einen Turnunterricht für Schüler aller Massen. Die Teilnabme war frei 
willig. — Der neue Leiter des Staatsgymnasiums R. F. Weber brachte der 
Körperpflege von vornberein das größte Intereffe entgegen. Gleich im Be 
ginn seiner Tätigkeit sorgte er für eine Gelegenbeit zum Baden und 
Schwimmen, wir finden bald nachber in einem Bericht an Oberbürgermeister 
Schomburg als Inventarstücke des Gymnasiums verzeichnet: Reck, Barren, 
Rletterbaum, Schwebebalken, Taue und Springstangen. Seit 1639 scheint 
ein regelmäßiger Turnunterricht gegeben zu sein. Als erster Turnlebrer wird 
Schwaab genannt. Später baden sich Schorre, G. Vogt und Ernst um die 
körperliche Ausbildung der Schüler verdient gemacht. 1846 lesen wir von 
einer gemeinsamen Turnfahrt der ganzen Schule nach Ihringshausen. 1850 
wurden siebzig Holzgewehre angeschafft, mit denen die Schüler exerzieren 
mußten. Seit )851 verfügte die Schule über eine beizbare Halle, so daß auch 
im Winter geturnt werden konnte. Eine den neuen Anforderungen entspre 
chende geräumige Turnballe wurde allerdings erst im Jahre 1883 gebaut. — 
Die Leistungen in Turnen und Spielen wurden nach 1870 wesentlich gefördert 
durch die Feier des Sedanfestes, während von 1872—80 die Feier baupt- 
sächlich in einem gemeinsamen Aufmarsch aller Schulen auf der Auewiese 
bestand, dem sich am Nachmittag von seiten des Gymnasiums ein Spazier 
gang nach der Rnallhütte, von 1873 an nach Wilhelmsthal anschloß, trat 
später, seit die Feier auf die Dönche (1863—65), dann auf den Saurasen und 
nach etwa zwanzig Jahren wieder auf die Dönche verlegt wurde, die Vor 
führung turnerischer Übungen und sportlicher Wettkämpfe in den Vorder 
grund. — Einen besonderen Antrieb, die Spiele auszugestalten und die 
Leistungen den fachmännischen Anforderungen entsprechend zu steigern, bot
	        

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