Full text: Geschichte der Residenzstadt Cassel

v. 
Das Jahrhundert der Reformation und der Renaissance. 
/ Höhe des bürgerticken Lebens. / Erste Blüteperiode 
Cassels, 1509—16t8. 
War schon der frühe Tod des Landgrafen an sich ein Schlag für das Land, 
so war er es noch weit mehr durch die Umstände, unter denen er erfolgte. 
Wilhelm hinterließ einen unmündigen Sohn von 5 Jahren, Philipp — ein 
schwächliches Kind — und eine junge, schöne, ehrgeizige und herrschsüchtige 
Witwe, die erst 24 jährige Anna, geborene Herzogin von Mecklenburg. Zum 
Unglück hinterließ er auch zwei Testamente, deren eines aus dem Jahre 1506 
uon ihm später durch Entfernung der Siegel und Zerschneiden ungültig ge 
macht worden war, als er 1508 ein zweites errichtet hatte, dieses letztere also zu 
einer Zeit, wo er geistig nicht mehr zurechnungsfähig war und völlig unter dem 
Einflüsse seiner Gemahlin handelte. 1 ) Jm älteren Testament hatte er für die 
Landesregierung und als Uormünder des jungen Philipp einen Regentfchafts- 
rat eingesetzt, an dessen Spitze der alte Hofmeister Konrad uon Waldenstein als 
oberster Leiter der Geschäfte stehen sollte. Daneben hatte er als Handhaber 
seines letzten Willens seinen Oheim, den Erzbischof Hermann uon Köln, den 
Erzbischof Jakob uon Trier und Herzog Georg uon Sachsen bestellt. Das zweite 
Testament beseitigte jenen Regentschaftsrat und legte die Dormundschaft 
in die Hände der Landgräfin, der außer dem Erzbischof uon Köln noch 
uier Mituormünder, davon zwei aus dem Adel, der Dechant des Martins 
stifts, Dr. Henrich Kulant, und ein Rechtsgelehrter beigegeben wurden. Als 
Handhaber und Uollstrecker des letzten Willens werden diesmal auch die bei 
den erbuerbrüderten sächsischen Pürsten, der Kurfürst Friedrich und sein Bru 
der Johann, neben ihrem Detter Georg uon der jüngeren Linie, zugezogen. 
Hiernach hätte also die junge Landgräfin das Regiment in der Hand ge 
habt. Allein als nach Wilhelms II. Tode sich die hessischen Stände (am 29. 
Juli 1509) am Spieß versammelten, um nach Dorschrift des Testaments uon 
dessen Jnhalt Kenntnis zu erhalten, da erhob sich sofort gegen die Bestellung 
1) Eiteratur zum folgenden: Schenk zu Schweinsberg: Das letzte Testament 
Landgraf Wilhelms II. von Hessen . . . Gotha 1876. — Glagau: Anna uon Kessen .. . 
Karburg 1899. — Hessische Landtagsakten. Hrsg. von Hans Glagau. Marburg, 
Bd. 1: 1508—1521. 1901. 
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