Full text: Der Casseler Salon (Jahrgang 1., Nr.1-30)

Wochenschrift für Haus» Kunst und Wissenschaft. 
Redacteur: Ludwig Mohr. 
Nr. 24. Sonntag, den 16. April. 1871. 
Der „Casseler Salon" erscheint wöchentlich 1 Bogen stark. Pränumerationspreis 12'/, Sgr. excl. Postausschlag pro Quartal. 
Man abonnirt bei allen Buchhandlungen, Postämtern und in der Erpedition: Steinweg Nr. 24. 
Polin und Deutsche. 
Ein Zeitbild aus unseren Tagen von Franz Eugen. 
diesen Worten öffnete der Diener eine Thüre, 
und Margarethe trat in ein großes, helles 
^ Zimmer. Die Wände waren fast bedeckt mit 
fertigen oder halbfertigen Bildern, Skizzen, Zeichnungen 
u. dgl. Büsten und Statuen standen dazwischen, ein paar 
Sessel, Tische und einige Staffeleien bildeten das ganze 
Mobiliar. An dem einen Fenster saß eifrig rnalend eine 
junge Dame, an dem andern, ebenfalls malend, ein alter 
Herr, der bei Margarethens Eintritt aufstand und ihr 
entgegen ging. Es war eine hohe, aufrechte Gestalt, den 
mächtigen Kopf mit den starken, geistvollen Zügen be 
deckte kurzes, eisgraues Haar, und unter den weißen, 
buschigen Augenbrauen leuchteten dtmkle Augen in 
jugendlichem Feuer hervor. 
Ein scharfer, prüfender Blick maß Margarethen 
vom Scheitel bis zur Sohle, dann sagte er mit freund 
lichem Lächeln: „Ich habe wohl die Ehre, in Ihnen 
Fräulein Müller zu begrüßen?" Margarethe verneigte 
sich. „Wenn Sie so viel Talent haben", fuhr er fort, 
„als die kleine Skizze verräth, die mir mein junger 
Freund Warberg zeigte, so wird cs mir eine Freude 
sein, Sie zu unterrichten. Frau Gräfin Zomiroka", 
wandte er sich zu der Dame am Fenster, „erlauben Sie 
mir, Ihnen Fräulein Müller vorzustellen, die künftig 
Ihre Unterrichtsstunde theilen wird." 
Die Gräfin ließ einen Augenblick den Pinsel ruhen, 
erhob flüchtig den Blick auf Margarethe und erwiederte 
mit einem kaum merklichen Neigen des Kopfes deren 
höfliche Verbeugung. 
Der Maler wies seiner neuen Schülerin dann einen 
Platz an, nahm ein Bild von der Wand und sagte: 
„Versuchen Sie diese Landschaft zu copieren." Mar 
garethe begann ihre Arbeit, und Lorenz ging, nachdem 
er ein paar Minuten hinter ihrem Stuhle stehend, ihr 
zugesehen hatte, an seine Staffelei zurück, und es war 
lange ganz still in dem weiten, hohen Gemach. Von 
Zeit zu Zeit erhob Margarethe die Augen von ihrer 
Zeichnung und blickte mit einem Gemisch von scheuer 
Bewunderung und Neugierde auf die Gräfin Zomirska. 
Die Umrisse ihres Kopfes und Nackens, die Formen der 
üppigen Gestalt waren von tadelloser Schönheit, jede 
ihrer Bewegungen voll sicherer Anmuth, und wie sie so 
am Fenster saß, zeichneten sich die Linien des edelge 
schnittenen, wundervollen Profils scharf gegen den tief 
blauen Himmel ab. Margarethe glaubte, nie eine 
schönere Frau gesehen zu haben. Endlich stand Lorenz 
auf uud trat an die Staffelei der Gräfin. Sie copierte 
nicht, sondern componirte nach verschiedenen vor ihr 
aufgestellten Skizzen selbstständig ein Bild. 
Der Maler sah es lange schweigend an. 
„Nun?" fragte sie, mit einer ungeduldigen Be 
wegung sich zu ihm umwendend. 
„Sehr brillant!" versetzte er, während ein halb 
beifälliges, halb sarkastisches Lächeln um seine Lippen
	        

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