Full text: Der Casseler Salon (Jahrgang 1., Nr.1-30)

Nr. 23. 
Der „Casseler Salon" erscheint wöchentlich 1 Bogen stark. Prännmeralionspreis 12'/, Sgr. excl. Postanfschlag pro Quartal. 
Man abonnirt bei allen Buchhandlungen, Postämtern und in der Erpedition: Steinweg Nr. 24. 
Polin und Deutsche. 
Ein Zeitbild cut§ unseren Tagen von Franz Eugen 
)ie sind sehr freundlich", sagte Margarethe zu War- 
f berg, „und ich nehme Ihr Anerbieten mit vielem 
Dank an. Sie würden mich in der That tief 
verpflichten, wenn Sie durch Ihren Einfluß Herrn 
Lorenz vermögen könnten, mich als seine Schülerin 
aufzunehmen." 
,,Es wird dazu meines Einflusses nicht bedürfen. 
Dieses kleine Blatt hier, welches Sie mir überlassen 
müssen, wird Ihnen die Thür seines Ateliers sogleich 
öffnen." 
Margarethe verneigte sich anmuthig und ging aus 
ihren Platz zurück. 
Abel, tvelcher den ganzen Borgang mit unzufriede 
nen Blicken verfolgt hatte, neigte sich jetzt zu ihr und 
flüsterte: „Und Sie wollen wirklich mit einer Frau, 
wie diese Gräfin Zomirska, gemeinschaftlichen Unterricht 
nehmen?" 
„Ja! — Und warum nicht? Was ist mit ihr?" 
„Nichts — als daß sie nach kurzer Ehe sich von 
ihrem Gatten trennte, zwei Jahre in Paris lebte und 
dort der Mittelpunkt der eleganten Welt, die Seele 
der polnischen Emigration war, und daß die verrufensten 
Lions der dortigen vornehmen Kreise freien Zutritt in 
ihrem Salon hatten. Jetzt ist sie hierher gekommen, 
um, wie man sagt, mehr an Ort und Stelle die Fäden 
ihrer politischen Intriguen zu spinnen und mit ihrer 
Schönheit, ihrem Geist und ihrem Reichthum Propa 
ganda für die Sache Polen's zu machen." 
„Ich habe wohl in dieser Hinsicht nichts von ihr 
zu fürchten", sagte Margarethe trocken. 
„Mein theures Fräulein, diese Frau ist kein pas 
sender Umgang für ein junges Mädchen." 
„Ich bitte Sie, dies meinem eignen Urtheil zu 
überlassen." 
„So sind Sie in der That fest entschlossen, gemein 
schaftlichen Unterricht mit dieser Frau zu nehmen, trotz 
der Abneigung, die ihre verehrte Tante dagegen zeigte, 
trotz der Warnung eines für Ihr Wohl so treu be 
sorgten Mannes, wie ich?" 
Es zuckte über Margarethen's Gesicht, ein hartes 
Wort schwebte ihr aus den Lippen, aber sie unterdrückte 
es und wandte nur mit einer ungeduldigen Bewegung 
den Kopf auf die andere Seite. 
„Zürnen Sie mir nicht", bat der Geistliche, „wenn 
ich in dem innigen Wunsch, jeden schädlichen Einfluß 
fern von Ihrer jungen Seele zu halten, gegen einen 
Plan sprach, der für Sie so großen Reiz zu haben 
scheint. Aber, als die Nichte einer von mir so hoch 
verehrten Frau, als ein Glied meiner Gemeinde, fühle 
ich mich verantwortlich dafür, daß Sie nicht in die Stricke 
des Satans fallen mögen. Lächeln Sie nicht, die 
Macht des Bösen ist furchtbar und gewaltig, und, wie 
es in der Schrift heißt: Er geht umher wie ein brül-
	        

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