Volltext: Der Casseler Salon (Jahrgang 1., Nr.1-30)

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bis nach beendetem Markt aufsparen. — Deine Herrschaft 
wird so wie so nicht sonderlich erbaut sein über die 
Mittheilung, die ich ihr zu machen habe." 
„Do? — Darf man wissen, was dieselbe betrifft- 
Ludwig?" fragte das Mädchen und beugte sich prüfend 
zu dem Stücke Bieber herunter, welches der Tuchmacher 
so eben auf den Stand legte. — 
„Welche Frage! Wir müssen doch endlich an das 
Heirathen denken, Martha! Ich werde im Geschäft 
allein nicht mehr fertig, und um den Haushalt kann 
ich mich erst recht nicht kümmern. Ich werde deshalb 
kommen und der Herrschaft aufsagen." 
„So? Ohne mich erst zu fragen?" 
„Weil ich Dich für so vernünftig halte, daß Du 
meine Gründe gelten lassen wirst." 
„Nun, ich werde es mir überlegen. — Du kommst 
also? Ich darf Dich erwarten? Gute Geschäfte und 
Adieu!" sagte sie rasch, immer noch die hohe Nöthe 
aus Stirn und Wangen, welche das Wort Heirathen 
darauf gezaubert hatte. 
Das Mädchen war einige Jahre jünger, als 
! Meister Ludwig. Es war eine Waise, von fremden 
Leuten erzogen, war später zu einem Paar alten Leuten, 
einem Rath von Sonbheim und Iran in Dienste 
gekommen, bei welchen es noch jetzt als Haushälterin 
sungirte. Die beiden Alten hatten sich so sehr an das 
Mädchen gewöhnt, daß sie es wie ein Kind hielten. 
Das Mädchen seinerseits hielt dagegen streng ans ge 
wissenhafte Pflichterfüllung. Frau von Sondheim be 
kümmerte sich fast gar nicht um den Haushalt, sondern 
überließ ihn ihrer Martha ganz. Dieselbe war ein 
frisches, robustes Mädchen von mitteler Statur, mit 
einem rothen, fröhlichen Gesichte, schwarzen Angen und 
Haar und einem flinken, rührigem Naturell. Ans 
welche Weise Meister Ludwig es kennen lernte, haben 
wir bereits gemeldet. Der Marktnachbar hatte einerseits 
sein redliches Theil dazu beigetragen, daß dem Mädchen 
der Jnnggesellenstand des Tuchmachers nicht lang Ge- 
heimniß blieb, daß aber anderuseits Meister Ludwig 
schon am zweiten Marktlage wußte, daß die kleine 
-Schwarze keine übete Partie und noch zu haben sei. — 
Der Mann hatte seinen stweck erreicht. — Meister 
Ludwig, nachdem er sein Geschäft gemacht und den Nest 
seiner Waare umgepackt hatte, sprach bei Martha's 
Herrschast mw, setzte derselben die Gründe auseinander, 
die ihii nöthigten, nunmehr an eine Heirath zu denken 
llnd kündigte schließlich Samens seiner Braut. 
Gegen alles Erwarten fand er bei den Biederleuten 
nicht den geringsten Widerspruch; im Gegentheil, sie 
äußerten nnverhvleu ihre Freude darüber, die Martha 
gut versorgt zu sehen. „Wir wollen Martha's Glück 
nicht im Wege stehen, Meister Ludwig," sagte die ehr 
würdige Matrone, „so sehr cs mir leid thut, sie ver 
lieren zu sollen, denn ich konnte mich in jedem Stücke 
auf sie verlassen, ohne mich um das Geringste zu 
kümmern." 
Ein Vierteljahr später verließ Martha das Haus 
ihrer Herrschaft, und nach vier Wochen zog sie als 
junge Frau in das Hans Meister Ludwig's ein. 
Das Wort des Marktnachbars, Ihr werdet Segen 
in der Ehe haben, denn Ihr habt Jungfernglück, sollte 
sich bewahrheiten. Geschäft wie Hausstand nahm von 
Jahr zu Jahr zu. Manchmal streifte zwar das Reso 
lute , das in dem Naturell der jungen Frau lag, an 
Hansdespotismus, aber Meister Ludwig war einsichts 
voll genug, ihr im Hauswesen die Herrschaft nicht 
streitig zu machen und sie ebenso klug, nicht in das 
Geschäft zu reden, und da Bude in ihrem Wirkungs 
kreis zu herrschen verstanden, so kamen sie mit Riesen 
schritten vorwärts. 
Grundprineip im Geschäft blieb es jedoch stets bei > 
dem Meiner, bei der Fabrikation seiner Waare das 
Zrößle Gewicht auf die Güte derstlben zu legen. Das 
förderte das Renomme des Geschäfts mehr als alles | 
ändere, und zur Zeit des Tharauer Jahrmarktes galt ! 
er als der brniittelste Bürger des Städtchens, dessen ji 
Bürger — noch an d n alten Schlendrian gewöhnt — j 
! dieses ungewöhnliche Auskommen besonderen Glücksfällen - 
| zuschrieben und ihn nicht anders, als den „reichen i! 
! Napoleon" nannten. 
Die Anerkennung der goldenen Medaille und der jj 
in Sicht gewesene Titel Eommerzienrath hatten unstreitig i 
ans den Stolz der Frau Martha einen größeren Ein 
fluß als auf das Gemüth des schlichten Meisters geübt, 
wai jener Zeit erschien sie aus ihrem sonntäglichen 
Kirchengang nie anders, als in dem schwarzen Atlas- 
kleid, dem weitfaltigen veilchenblauen Seidenmantel, der 
Garnette mit ächt Brüsseler Spitzenverzierung — dem 
Schleier — und dem dicken Gesangbuch in rothem 
Sasffanband mit blankem Silberschloß. — 
Wir mußten dieses vorausschicken und kehren nun 
zu dem .Tharauer Jahrmarkt zurück. — Wie schon 
berichtet, so hatte das Geschäft sehr lebhaft gegangen und
	        

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