Full text: Der Casseler Salon (Jahrgang 1., Nr.1-30)

Hängelampe, und ambrosische Düfte scheuchen den Moder 
geruch der Höhlen-Atmosphäre. Wir führten uns bei 
dem Alten mit dem langen, schneeweißen Barte und 
dem sonderbaren Gewände als Besucher der Wilhelms 
höhe ein, begehrten ein Karten - Orakel und opferten 
unsere Spende auf dem Altare. Der Alte zeigte sich 
willfährig und breitete die Karten auf dem Altare aus. 
Plötzlich fuhr er auf, schaute Seiner Majestät scharf 
in das Auge und sagte: Sie sind der Kaiser Napoleon, 
Sire! Ein leises Zucken um die Augen verrieth bei 
Sr. Majestät die Ueberraschnng, sich erkannt zu sehn; 
das Orakel aber fuhr fort, indem es fleißig die Karten 
wandte: Die Buben entfernen sich immer mehr von 
Ihrer Karte, Sire; wenig treue Freunde werden Ihnen 
bleiben — doch liegt die Herzdame immer bei dem König ; 
eine Dame wird Ihr Glück sein. Sonst zeigen die 
Karten nur Wirrwarr und blauen Dunst. — Also 
erzählte der Prinz!" endete Sebast, und die Füße der 
Schelmen drückten unter dem Tische sich gegenseitig die 
Zufriedenheit über die Windbeutelei aus. 
Das Männchen hatte fleißig notirt, ließ sich noch 
mals genau den Weg nach der Höhle des Einsiedlers 
beschreiben, drückte den Beiden freundlich zum Abschied 
die Hand und verließ das Gastzimmer. 
„Ich gäbe einen Thaler den Armen, wenn ich 
sehen könnte, was das Kerlchen für ein Gesicht schneidet, 
wenn es statt der Eremitage einen alten, baufälligen 
Kohlenstollen, angefüllt mit schmutzigen Lumpen und 
übeldufteuden Knochen und statt des ehrwürdigen Ere 
miten den unbarbirten Lumpensammler in einer zerfetzten 
schmutzigen Soldaten - Uniform erblicken wird!" lachte 
Funk. 
„Schade nur, daß uns diese Enttäuschung das 
Vergnügen kostet, irgend ein Feuilleton.zu lesen, das 
die Welt mit dem famosen Titel anziehen würde: „Der 
Einsiedler der Heidmannshöhle zu Wilhelmshöhe und 
Napoleon III.!" meinte Sebast und trank das Glas aus. 
„Wer weiß, ob trotz alledem nicht!" schloß dagegen 
Funk und griff nach Hut und Stock. 
Das St. Helena des zweiten Kaiserreichs. 
(Historische Skizze von Dr. Hans Mühlau.) 
(Cassel bei Wilhelmshöhe. — Der Weißenstein. — Morizheim. 
Die Rotunde. — Napoleonshöhe. - 
Fs noch der Zopf in Hessen florirte, erzählten sich 
die Alten, wenn sie die Vorzüge ihrer Landschaft 
rühmten, daß Briefe, welche von überseeischen Plätzen 
aus nach Cassel gerichtet waren, die Adresse, „Cassel 
bei Großalmerode", getragen hätten. Die neueste Zeit 
bietet dazn ein Seitenstück, wie es uns auf einer tele 
graphischen Depesche zu Gesicht kam. Die Ortsbezeich 
nung dieser Adresse lautete nämlich: Cassel bei Wilhelms 
höhe. Dort waren es Fabrikate der Bewohner, die 
feuerfesten thönernen Schmelztiegel, die unentbehrlichsten 
Geräthe des Goldschmieds, welche das kleine Groß 
almerode auf beiden Hemisphären bekannter machten, 
als die zwanzigmal größere Hauptstadt des Landes; 
hier ist es die unfreiwillige Siesta des Gefangenen von 
Sedan, welche dem Lustschloß denselben Vorzug ver 
schafft. 
Einen Monat ist es her, — da wir dieses nieder 
schreiben — seitdem die Courtoisie König Wilhelms die 
— Giovano Franzesko Guernieri. — Eine Geschichtsfälschung. 
Das St. Helena Napoleons Ul.) 
Wilhelmshöhe, dieses reizende Fleckchen Erde in dem 
lieben deutschen Vaterlande, seinem Widerpart zum 
Asyle anwies. Seitdem hat das Schloß sowohl, wie 
sein weltberühmter Park bei allen Nationen der Erde 
bedeutend an Interesse gewonnen, und wir glauben, 
daß ein Näheres über dieses St. Helena des zweiten 
Kaiserreiches am Platze ist. — 
Der Ort hieß vor Alters Weißenstein, nach einem 
weißen Felsen genannt, welcher bei dem südwestlichen 
Flügel des jetzigen Schlosses aus der Erde ragt. Nach 
den ältesten Urkunden erhob sich in seiner Nähe ein 
Augustiner-Kloster (Leclesia in lapide albo), welches 
anfänglich für Mönche bestimmt war, später aber nur 
Nonnen in seinen Mauern herbergte. Es war im 
zwölften Jahrhundert von einem Fritzlaraner Bovo 
oder Bonifazius erbaut worden und erhielt im Laufe 
der Zeit von den hessischen Landgrafen ansehnliche 
Vorrechte und Freiheiten; Ende des fünfzehnten Jahr-
        

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