Full text: Tlavatli

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IIL TLAVATLL 
N ur zu rasch war die der Seligkeit des Brautstandes geweihte 
Zeit den Liebenden entschwunden, mit Schmerz gedachten sie der 
abermaligen Trennung, obgleich diese nicht von langer Dauer sein sollte 
und im Hintergründe bereits das lieblich lockende Bild „Schleier und 
Brautkranz" auftauchte. 
Eisenbarth hatte übrigens die vierzehn Tage gut ausgenutzt, nicht nur 
mit Küssen und Liebesgetändel, sondern auch damit, sich die Gunst seines 
Schwiegervaters in hohem Grade zu erwerben, durch Erzählen interessanter 
Reiseerlebnisse und Abenteuer aus Brasilien, Bolivien und Paraguay. 
Endlich kam der Tag der Trennung! Siedend heiß überlief es den armen 
Bräutigam, denn erst jetzt kam es ihm wieder recht zum Bewußtsein, aus 
süßer Liebesidylle heraus und in ein ungeheuerliches Unternehmen hinein 
zu müssen. Lätte er Anna das, was ihm bevorstand, erzählen können — 
erklären mit dem Wie und Warum wohl kaum — sie hätte ihn jedenfalls 
angstvoll zurückzuhalten versucht. Was kümmerte die Leute hier in der 
Mark, in Deutschland überhaupt, ein indischer Götze? — Im nächsten 
Augenblick schalt er sich dann den undankbarsten Menschen seines Jahr 
hunderts; war es denn nicht seine heilige Pflicht, alles für den Doktor 
zu tun, der so aufopfernd für ihn gesorgt hatte? Jetzt erst war ihm Justus 
ganze Größe klar, dieser nahm einen universellen Standpunkt ein, er fühlte 
sich solidarisch allen Geistern unserer Erde, er hielt sich für verpflichtet, 
Dienste zu leisten, wo sich die Gelegenheit dazu bot, bald einem Mahatma 
Sankha, bald einem Chrisostomus Eisenbarth. So rang sich der kleine 
Lerr zu einer objektiveren Anschauung durch, in der nicht immer das 
eigene Ich im Vordergrund stand; ein trotziger Mut beseelte ihn, er kam 
sich wie ein mittelalterlicher Ritter vor, der, um die Braut zu gewinnen, 
erst unerhörte Abenteuer bestehen mußte, und in diesem männlichen Ge 
danken nahm er Abschied von seiner Anna. 
In Hamburg angekommen, fuhr Eisenbarth nach der Rabenstraße, in 
der Hoffnung, dort seinen lieben Freund — so wagte er es, ihn in Ge 
danken schon zu nennen — am ehesten anzutreffen. Die alte Haushälterin 
benachrichtigte ihn jedoch, daß Herr Dr. Erich Bescheid zurückgelassen hätte, 
der Herr Eisenbarth möchte bitte an Bord der Hammonia, die ausgedockt 
wäre und wieder an ihrem alten Platz im Lasen läge, gehen. Er machte 
sich zu Fuß auf den Weg. Da traf er auf dem Rathausplatz den Schiffs 
jungen der Jacht gemütlich dahinbummeln. „Na, Fritz", fragte er ihn, 
„was treibst du dich denn hier herum, hast du nichts an Bord zu tun?" 
„Och Herr", antwortete der, „ick häv afmunstert, ick goh wohrschienlich 
mit de Bark Arethusa no New Vork."
	        

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