Full text: Das Kasseler Theater- und Musikleben im Wandel der Zeiten; Im Banne der bildenden Kunst (Band 3, Teil 1)

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Wagen des Licinius zogen•Ausserdem waren einige zwanzig andere Pferde 
ebenfalls auf der Bühne tätig zum grössten Erstaunen der Kasselaner / 
für die dieses ungewohnte Pferdegetrappel auf der Bühne ein geradezu 
sensationelles Ereignis bedeutete.Der König und die Königin blickten 
mit besonderer Freude auf die Bühne, ^ehr als das Spontini 1 sehe Meis 
terwerk bewunderten sie ihre prächtigen Pferde ,die ihre Rolle ausge 
zeichnet spielten ,aber auch noch mit grösseren Sensationenwusste man 
den nach immer neuen Emotionendürstenden ^eist der Zeit zu befriedigen » 
In einer Oper : "La chasse de u enri IV " wurde auf dem Theater selbst 
eine Parforcejagd aufgeführt . Dabei wurde eine Felsschlucht in der 
Mitte der Bühne dargestellt • Ein zahmer Hirsch soll von vielen Hei 
tern mit der Ükute gejagt werden • Mehrmals läuft er über die Bühne , 
Pfunde und Heiter folgen . Endlich steht er auf der Felskante . Er zö 
gert zuerst ein wenig . Die Beute kommt aber näher . Da setzt der Hirse! 
über eine wohl sechs Fuss breite Kluft ,aber die Hunde und Heiter .die 
ihm folgen »wagen gleichfalls den Sprung . M an kann sich leicht vorstel 
len ,da3s bei solchen aufregenden Schaustellungen das Interesse an der 
Musik mur sekundär war . Im Theater wurde auch jeder Siegestag Napo 
leons durch prunkvolle Aufführungen gefeiert . An den Geburtstagen des 
königlichen Hauses wurde sogar dem Publikum die Pforten des Theaters 
gratis geöffnet und es ist wohl zu begreifen »dass sich die Kasselaner 
unter Jerome recht gut amüsierten und auf diese Y/eise die Fremdherr 
schaft nicht als ein allzu schwer auf ihnen lastendes Joch empfanden . 
Dass während der ganzen Dauer des Königreiches Westfalen deutsche Opern 
komponisten in Kassel weniger zur Geltung kamen und die französische 
wie die italienische Oper bevorzugt wurde ,ist durchaus verständlich. 
Ein Querschnitt durch das Opeprjahr 181o in dem 55 Opern »wovon etwa 
31 einaktig waren »auf dem Ifcpertoir standen ; gibt den besten Überblick 
In jenem ü ahre erschienen auf der Kasseler Bühne Opernvon Dalayrae,Ga- 
vesux »Kreutzer , Piccini (nicht zu verwechseln mit dem berühmten Pic- 
cinä »dem Rivalen Gluck*s )j|fchul , Berton »Devienne »Boieldieu,Deila 
Jfcria ,Sacchini »DezLde f Lemoine »Nicole Isouard , u retry »Blangini, 
'Cherubini »Pergolese »Dolie^ Audinot u. andere .Aber nur einige von die* 
sen Komponisten haben musikgeschichtliche Bedeutung gewonnene 
Doch bald war das karnevalistische Intermezzo entgültig vorüber . Der 
unter Jerome entfaltete Glanz und Prunk verschwanden wieder »als nach 
seinem Sturze der Kurfürst Wilhelm I. wieder aus seiner unffeiwilligen 
Verbannung zurückkehrte . Nun begann wieder ein strenges und sparsames 
Regiment. Mit den "Kreuzfahrern " von Kotzebue wurde das vom Kurfürst 
Wilhelm I. neu ins lebengerufene Hoftheater eröffnet . Kassel hatte 
jetzt jedenfalls wieder sein Hoftheater »diesmal unter einer eignen 
allerdings vielköpfigen Intendanz . In der Wähl der Intendanten sprach 
sich allein schon der Autokratismus des Kurfürsten aus . Er berief den 
Geh. n a t V on Apell als ersten Intendanten »dem er den Polizeidirector 
Manger zur Seite stellte und letzterer »seinem eigentlichen Berufe ge 
treu »ging gegenüber den Künstlern oft recht rigoros vor. Bei den ge 
ringsten Verfehlungen liess er Schauspieler »Sänger oder anderes Bühnen 
personal einfach auf der Bühne verhaften . Dieses Polizeiregiment war 
nicht gerade dazu angethan »bei der Künstlerwelt ein Engagement nach 
Kassel als besonders verlockend erscheinen zu lassen .Indessen glich 
der Kurfürst die mehr als bürokratische Verwaltung dadurch wieder aus, 
dass er für die künstlerische Leitung einen tüchtigen Theatermannin 
dem Schauspieler und Regisseur Feige gewann »während für die ^eitung de 
Oper in Guhr ein ausserordentlich vielseitig begabter »in mancher Be 
ziehung sogar genialer Musiker und Dirigent berufen wurde . 
Seine eigentliche Glanzperiode erlebte Carl Guhr ,ein- Schlesier ,(geh. 
3o Octob 1787 in Militsch ) erst in Frankfurt s/^ain »wo er fast drei 
Jahrzehnte als Kapellmeister und Director wirkte und die dortige Oper, 
nachdem Spohr als sein Vorgänger freiwillig die Leitung derselben auf 
gegeben hatte »zu grossem Ansehen brachte .Nach den Äusserungen seines
	        

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