Full text: 60 Jahre Melsunger medizinische Mitteilungen

211 
1954 
Die modernen Kunststoffe und ihre Anwendung 
in der Chirurgie 
Die modernen Kunststoffe und ihre Anwendung 
in der Chirurgie 
von Dipl. Chemiker u. Dr. med. B. Braun, Melsungen 
Von früh an haben dem Menschen für seine kulturellen Bedürfnisse die 
ihm in der Natur gebotenen Rohstoffe nicht genügt, und er war stets bestrebt, 
sie zu verbessern bzw. durch andere künstlich geschaffene Stoffe zu ersetzen. 
Aus diesem Bestreben heraus entwickelten sich in der Geschichte der Mensch 
heit die verschiedenen Epochen, die wir als Bronze- und Eisenzeit usw. 
bezeichnen. Im Laufe der letzten drei Jahrzehnte bahnt sich nun durch den 
Fortschritt der modernen Chemie eine neue Entwicklungsepoche an, die 
wir als die der chemischen Kunststoffe bezeichnen können. 
Wenn man früher unter Kunststoffen Gegenstände aus Glas, Porzellan 
oder Metall verstand, so hat das Wort Kunststoff in neuerer Zeit eine 
Begriffsverengung erfahren. Man versteht heute darunter ganz oder teil 
weise synthetisch hergestellte hochmolekulare organische Stoffe, die aus mono- 
molekularen organischen Verbindungen zusammengesetzte Riesenmoleküle 
darstellen und in der Hauptsache die Elemente Kohlenstoff, Wasserstoff, 
Sauerstoff, Stickstoff, Chlor und neuerdings auch Silizium und Fluor enthalten. 
Durch die grundlegenden Arbeiten von E. Fischer, K. Freudenberg, 
K. H. Meyer und H. Mark und vor allen Dingen durch Staudinger wurden 
die Grundlagen für die Entwicklung dieses wichtigen Arbeitsgebietes der 
modernen Chemie geschaffen. Während die bisher hergestellten chemischen 
organischen Verbindungen Molekülgrößen im Bereich dreistelliger Zahlen 
zeigten, findet man bei den modernen Kunststoffen Molekülgrößen bis zu 
siebenstelligen Zahlen. 
Staudinger bezeichnete diese Riesenmoleküle erstmalig als makromole 
kular und diese Bezeichnung ist heute international eingeführt. 
Es gelang Staudinger, die Konstitution einer großen Anzahl derartiger 
hochmolekularer Verbindungen zu erforschen und zu zeigen, daß durch 
Polymerisation oder Kondensation lineare Kettenmoleküle entstehen, die in 
sehr starker Vergrößerung fadenartige Gebilde darstellen. 
Werden diese Ketten nun an bestimmten Verzweigungspunkten durch 
Brücken verbunden, so bilden sich Netze, die entsprechend eng- und weit 
maschig sein können. Die physikalischen Eigenschaften dieser Verbindungen 
werden durch die jeweilige Konstitution bestimmt und es hat sich ergeben, 
daß reine Ketten-Moleküle, d. h. also solche ohne jede Vernetzung harte 
oder weiche sog. Thermoplasten bilden, d. h. Stoffe, die bei normaler 
Temperatur fest sind, jedoch bei erhöhter Temperatur klebrig weich wer 
den. Ist jedoch eine Vernetzung der Kettenmoleküle vorhanden, so ent
	        

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