Full text: 60 Jahre Melsunger medizinische Mitteilungen

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Über das neue physiologische Nahtmaterial 
Carnofil 
1935 
über das „neue phyßologifche Hahtmaterial CamofH“. 
Von Dr. Hammer, Melfungen. 
Im Laufe der letzten Jahre find verfdiiedene Arbeiten über ein 
„neues phyfiologifches Nahtmaterial" erfchienen, von dem man behaupten 
will, dafi es die Löfung der Katgutfrage bedeute. Es lohnt (ich deshalb, 
diefes neue Nahtmaterial, genannt Carnofil, einmal näher zu be 
trachten und die Arbeiten rein fachlich auf ihren Inhalt hin zu prüfen 
im Hinblick auf das, was gegen das bisher übliche Katgut gefagt wird. 
Die erfle Arbeit über Carnofil war die von W, A. Collier in der Medi 
zinischen Klinik 1934 Nr. 21. Nach einleitenden Worten über die 
Katgutunterfuchungen von Knorr - die im Aufträge des Reichsgefund- 
heitsamtes von Konrich und Zeifder durchgeführten werden leider nicht 
erwähnt!! - wird die Bearbeitung bzw. Herfiellung des Carnofils befchriefaen. 
Als Ausgangsmaterial dient das Muskelfleifch des Pferdes. Nimmt man 
an, dafi das Fleifch zu Beginn der Verarbeitung (ieril ifi, fo ift diefe 
felbfi - da (ie auf textiltechnifchem Wege gefchieht - abfolut nicht fo 
einfach, wie dies gefchildert wird. Die Verfpinnung und Verzwirnung 
des Trockenmaterials kann fchwerlich (o vorgenommen werden, dafi das 
Ausgangsmaterial vor Infektion gefchützt wird. Man muf alfo damit 
rechnen, daf» die lockere Spinnfafer Bakterien enthält, die mit dem Drehen 
in das Innere des Fadens gelangen und die Sterilität des Fadeninneren 
zweifelhaft erfcheinen laffen. Wenn in dem Ausdruck „Faß (leriles Mus 
kelfleifch möglichfl keimarm verarbeitet“ fchon die Tatfache einer nicht 
genügend gefieberten Afepfis in der Herfiellung eines Grundftoffes, der 
nur mit Einfchränkungen als (Ieril zu bezeichnen ifi, ausdrücklich betont 
wird, fo ifi fchon oben darauf verwiefen, daß auch ein vollkommen 
(leriles Ausgangsmaterial auf textiltechnifchem Wege fich nur 
in der Vorflellung, nicht aber in der Praxis zu einem völlig 
(lerilen Faden verarbeiten läfit. Der Ausgangsfloff für diefes Naht- 
material ifi, ehe er zum Faden verfponnen und gezwirnt wird, wie Collier 
felbfi fagt, nicht mehr (Ieril, fondern enthält in beträchtlicher Menge 
Bakterien aller Art. Deshalb fpricht Collier im Gegenfatz zu dem Profpekt 
über Carnofil in feiner Arbeit auch nicht von einem keimfreien Aus 
gangsmaterial. Mit diefer Feflfiellung entfällt der angeblich erfle grofie 
Vorzug, den das Carnofil vor dem Katgut haben foll. 
Es muf hier einmal feflgeflellt werden, dafi auch das Ausgangs 
material zur Herfiellung des Katguts, die Membrana submucosa des 
Darmes als folche zu Lebzeiten des Tieres genau fo wie das Muskel 
fleifch als fieril angefehen werden mufi. Ich kann mir nicht denken, dafi 
diefe innere Darmfchicht pathogene Keime zu Lebzeiten des Tieres ent 
hält, ohne Krankheitserfcheinungen hervorzurufen. Erfl bei Eintritt des 
Todes dürfte eine Wanderung der Bakterien aus dem Darminhalt in die
	        

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