Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 18.1937)

Nhktll-lLegeNÜe / Von Heinrich Muppel / Mit lfotos von Helmut löernecher. 
Ich erwachte, vom Wind gewiegt und von Sonne 
gebadet, aus gründämmernden Träumen zu lich 
tem Leben, Aehre unter Aehren, ein weithin wal 
lendes, goldenes Meer. Auf ragendem Halm stand 
ich wie alle meine Schwestern, wir schaukelten auf 
und nieder, tanzten hin und her. Der Wind strich 
uns über die grannigen Schöpfe und trug uns Grüße 
duftenden Blütenstaubes von sanftgewellten Nach 
barfeldern zu, die wir voll sehnsüchtigen Verlan 
gens erwarteten. Die Sonne des Tages, der Tau 
der Nacht, der rieselnde Regen und der Zorn des 
Gewitterwindes — sie alle gaben uns, was uns not 
war: Glut und glutstillenden Trank, Kraft und 
kraftsteigernden Kamps. Der Windstoß, der vor 
Blitz und Donner daherfuhr, lehrte uns demütig fein 
und das Haupt zur Erde neigen. Doch die Sonne, 
die den siebenfarbigen Bogen auf die graue Regen- 
wand malte, erhob uns Gebeugte wieder und ließ 
uns freudig wogen und wachsen. Kornblumen, Ra 
den und Rittersporn streuten ihre leuchtenden Far 
ben in das gilbende Graugrün der Halme; Lerchen 
ließen ihre seligen Sommerlieder aus blauen Höhen 
niederperlen, und vom Grund herauf kam das Ge 
läut der Glocken und zuweilen das Brausen der 
Stimmen zum frommen Klang der Orgel. Gesegnet 
waren wir und wurden schwerer und schwerer. Wir 
neigten uns erdwärts, von dannen wir gekommen. 
Denn alles, was von der Erde aufwärts kommt, 
muß wiederum zu ihr hinab. Wir bargen kaum 
die Fülle der schwellenden Körner in unseren spel- 
zenen Schürzlein, und manchmal knisterte es, als 
wollten die Körnlein die Hülle zersprengen und uns 
entspringen, um Zuflucht in der Scholle zu suchen. 
Sonntag wnr's. Da gingen der Altbauer und 
die Bäuerin geruhsam und bedächtig des Weges, 
umwandelten das große Geviert des Roggenackers 
und schauten, die Augen mit der Hand beschattend, 
über das ruhende Halmenmeer. Der Wind schlief, 
und über uns flirrte die Luft in brütender Hitze. 
Der Bauer sprach von Reife und Ernte. Sein Herz 
war voll Freude; seine Augen gingen liebevoll über 
unsere segenträchtige Schwesternschaft, und sein Ohr 
vernahm das Rauschen der Halme, die schnittreif fallen. 
Am anderen Tag kam der Iungbauer mit sei 
nem Gespann am Mäher. Er fuhr am Saum des 
Feldes entlang, und die Maschine ratterte eine 
Melodie des Todes. Wir hörten es mit leisem
	        

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