Volltext: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

lieber Geschichtsauffassung. 
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Grundideale sind also die Wertmesser für die menschlichen 
Handlungen oder die Arbeit, und alle Gesetze, Vorschriften, 
gesellschaftliche Regeln können als formulierte Nebenideale der 
vier Grundideale gelten. Wohl auf keinem andern Gebiete des 
menschlichen Lebens herrscht heute ein solches Durcheinander 
als die Verwirrung all dieser Begriffe erkennen läßt, nichts wäre 
dringender erforderlich als eine Klärung der sogenannten ethischen 
Normen. Die menschliche Gesellschaft der Kulturländer hat sich 
die Autorität und den Nimbus jener religiösen Vorschriften, denen 
allgemein göttlicher Ursprung zuerkannt wird, zunutze gemacht, 
um ihren eigenen Gesetzen und Regeln größeres Ansehen zu 
verleihen, und selbst die ästhetischen Begriffe hat man in dieses 
Gemisch hineingezogen; kein Wunder, daß sich keiner mehr in 
den sittlichen Werten auskennt und jeder sich seine eigene Moral 
zurechtzimmert. Diese Verwirrung erschwert und gefährdet den 
friedlichen und vertrauensvollen Verkehr der Volksgenossen und 
der Völker untereinander ganz außerordentlich. 
Der Wert der vier Grundideale beruht, wie wir gesehen 
haben, auf idealistischer Grundlage und ist für jeden einzelnen 
Menschen ein absoluter; der Wert der Nebenideale wird, wie 
der der Handlungen, an dem Werte der Grundideale gemessen. 
Die Erfahrung lehrt, daß auch die Werte der Grundideale durch 
die zu ihrer Erreichung aufgewandte Arbeit beeinflußt werden; 
je mehr wir für ein Ideal getan, gestritten und gelitten haben, 
umso wertvoller wird es uns. Während des Krieges konnte man 
häufig die Klage hören, daß die Jugend, die mit solchen Mühen 
und Kosten aufgezogen und erzogen worden sei, nun so geopfert 
werde; das Leben der Männer erschien also um so kostbarer, 
je mehr Arbeit für seine Erhaltung und Förderung geleistet 
worden war. Keine Religionsgemeinschaft, kein Kult kann sich 
auf die Dauer halten, falls er seinen Anhängern keine Arbeits 
leistungen, keine materiellen Opfer auferlegt; das Götzenbild, 
das man unter schweren Mühen, der Tempel, den man mit saurer
	        

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