Full text: Unser ist der Sieg (Nr. 39, Januar/Februar 1944)

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Neues Rätsel des Ortsgr.-L Steinbach-Hemebach: 
Der Preis für das Ferkelchen, Aufgabe in Nr. 37, betrug 
85 899 345,91 RM. Richtige Lösungen gingen ein: 
tzauptm. Schließ er-Felsberg, Obgefr. A. Bern- 
Hauer- Melsungen, Gefr. E. Stange- Connefeld, Uffz. <8. 
Schönewald - Körle, Gefr. O. F i n k - Guxhagen, Wachtm. 
H. Werner- Heinebach, Gefr. G. Böig t, Uffz. G. Fra n k- 
f u r 1 - Hernebach, Obergefr. W. G l e i m - tzeinebach. Obergefr. 
Kersten - Altmorschen, Obergefr. H. Küllmer - Heinebach, 
Obergefr. K. Bi e r mann - Wichte, Obergefr.. K. Kurz 
rock-Elbersdorf, Gefr. F. Meister-Röhrenfurth, Uffz. H. 
R ö v e r - Melsungen, Obergefr. H. T h o m a s - Wollrode, Uffz. 
W. S t ö b e l - Altmorschen, Obergefr. 3 ü l ch - Empfershausen. 
^-Scharführer Meyer- Altmorschen, Obergefr. A. D i s ch e r, 
Ogfr. G. S1 a n g e - Heinebach, Feldp.-Schaffner I. Groß - Gen 
sungen, Ogfr. H. B e ck e r - Heinebach, G. H o l st e i n - Heinebach. 
— Gefr. Voigt hat ausgerechnet, wenn sich jemand am Anfang der 
Zeitrechnung ein Ferkel auf Abschlagszahlung gekauft und jeden 
Monat 75 RM. abgezahlt hätte, wäre jetzt die Rechnung beglichen. 
Neue Aufgabe: 
Onkel Lorenz von G ü n st er o d e ist schon lange 
Jahre tot, aber die ganze Gemeinde hat ihm bis auf den heutigen 
Tag ein gutes Andenken bewahrt. Trotz seiner vielen Aemter, 
die er in seiner lieben Gemeinde betreute, wie Nachtwächter, 
Totengräber, Orgeltreter usw. mußte er doch einen harten, persön 
lichen Lebenskampf führen. Onkel Lorenz war sehr darauf 
bedacht, daß seine zwei Söhne und auch seine vier Töchter tüchtige 
Menschen werden sollten. Sein ältester Sohn, der Johannes, 
war schon 7 Fahre bei den Soldaten und hatte es bereits zum 
Feldwebel gebracht. Auf diesen Jungen waren der Vater Lo 
renz und auch die Mutter Karline ganz besonders stolz. Michel, 
der zweite Funge, hatte Chauffeur gelernt und arbeitete zur wei- 
leren Ausbildung in einer großen Fabrik. Der Michel sollte 
sich dann später einmal eine eigene Chauffeurfabrik in 
Melsungen zulegen. Das älteste Mädchen Hannchen und die 
jüngste Tochter Anna hatten mit der Heiraterei großes Glück 
gehabt. Sie hatten beide auf ein schönes Kuhwerkchen geheim 
ratet. Die Martha und die Ella waren auch schon verlobt; doch 
wollten sie sich noch was verdienen, ehe sie Heimteten. 
Onkel Lorenz, der durchaus keine großen Ansprüche an das 
Leben stellte, hatte aber eine kleine Leidenschaft: Er aß für sein 
Leben gern Sulperknochen. Früher, als die Kinder noch zur 
Schule gingen, holten sie im Feld das Futter und dann wurdo 
sich ständig em schönes Schwein gefüttert. Nachdem die Kinder 
nun alle fort waren, mußte Onkel Lorenz auf die Sulpew- 
knochen verzichten. Der Nachbar Fritz, welcher über die Lieb 
haberei des Onkel Lorenz Bescheid wußte, kam eines Tages mit 
einer Kasseler Zeitung zu ihm, in der folgende Anzeige stand: 
„Morgen, den 15. Oktober, Sulperknochenessen im Gasthaus 
„Zur Traube", Obere Karllstraße Nr. 28." Beim studieren 
dieser Zeilen lief dem Onkel Lorenz schon das Wasser im Munde 
zusammen. Schnell veranlaßte er seine Karline, die am kommen 
den Freitag, den 18. Oktober, nach Kassel fahren wollte, um sich 
eine neue Schürze und einen neuen Unterrock zu kaufen, daß sie 
ihre Reise schon auf den Dienstag verlegte, um dann gemeinsam 
an dem Sulperknochenessen teilnehmen zu können. Karline, 
welcher an den Sulperknochen wohl nicht so ganz viel lag, aber 
um so lieber ein Schnüpschen trank, war mit dem Vorschlage 
ihres Mannes voll Und ganz einverstanden. Alle Vorbe 
reitungen zu diesem Reisetag wurden getroffen. Onkel Lorenz, 
der sich am Spätnachmittage rasierte, war sehr ungehalten 
darüber, daß sein Messer so schlecht schneiden wollte. Karline 
hatte in der Nebenstube schon das Schimpfen mit angehört und 
rief ihm dann ärgerlich zu: „Was hast denn als für eine Schim 
pferei mit deinem Messer, vor einer Stunde habe ich noch Kar 
toffeln damit geschält und da schnitt es noch ganz gut." Freitag 
morgen um 10 Uhr waren Onkel Lorenz und Tante Karline schon 
in Kassel. Nach langem Hin- und Herfragen waren sie um 
12 Uhr an der Ecke Köuigsstraße—iFriedrichsplatz angekommen. 
Daselbst erkundigten sie sich bei einem Polizisten nach der Oberen 
Karlstraße. Dieser sagte ihnen: „Wenn sie schräg über diesen 
Platz gehen, dann stoßen sie genau auf die Obere Karlstraße." 
Karoline und Onkel Lorenz hatten es nun so verstanden, daß 
sie in schräger Haltung über den Friedrichsplatz gehen mußten. 
Also legten sie sich ganz schief zur Seite und gingen in schräger 
Haltung über den Platz. Am anderen Ende angekommen, sagte 
Onkel Lorenz: „Da verliert man aber doch den Appetit auf 
Sulperknochen." Auch Karoline schimpfte wie ein Rohrspatz, denn 
sie hatte bei dem schrägen Gange Seitenstechen bekommen. Doch 
aller Schmerz war vergessen, als sie die Sulperknochen-Wirt- 
schaft gefunden hatten. Onkel Lorenz aß nun zwei Portionen 
und trank ein Schnüpschen dazu. Karline aß eine Portion und 
trank zwei Schnäpse dazu. Karline mußte nun 65 Pfennige be 
zahlen und Onkel Lorenz 85 Pfennige. 
Nun, liebe Soldaten, rechnet mal aus, was die Portion 
Sulperknochen und was ein Schnävschen gekostet hat. Schickt 
mir die Lösung dann nach Heinebach ein. 
Der Onkel Lorenz ist sehr alt geworden. Als er eines Tages 
spürte, daß er sterben mußte, legte er sich zu Bett. Karline und 
die Nachbarsleute hatten um das Bett Aufstellung genommen. 
Onkel Lorenz, der schon über eine Stunde die Augen geschlossen 
hatte, schlug sie auf einmal wieder plötzlich auf und sagte: 
„Liebe Karline, höre doch mal zu, unten im Dorfe den Möllers 
habe ich mal helfen dreschen, dafür bekomme ich noch 80 Pfg., 
die läßt du dir geben. Dann bekomme ich noch 1,80 M. voU 
Schweinsbergs, den hatte ich 10 Besen gemacht und von Horns 
bekomme ich auch noch 90 Pfg. für 5 Besen, dies Geld läßt du 
dir auch geben." Ganz leise sagte dann Karline zu den am Sterbe 
bett stehenden Nachbarsleuten: „Hört doch mal an, liebe Leute, 
was mein lieber Lorenz noch bei so ganz klarem Verstände ist." 
Nach einem Weilchen schlug der Sterbende noch einmal die Augen 
auf und sagte: „Karline, hör noch mal zu. Unten im Ziegeiy- 
stalle da liegt auf der Mauer ein Wetzestein, der gehört Möllers, 
den mußt du ihnen wiedergeben, ebenfalls gehört ihnen der Strick 
an unserer neuen Kötze. Dann bekommt in Spangenberg de.- 
Mohr noch 1.20 M. für Besendraht, das mußt du ihm bezahlen, 
auch bekommt der Aßbrands Doktor in Melsungen noch 4 Pfun? 
Wurstefett bezahlt. Das Geld mußt du ihm auch noch geben." Kar 
line sprach so ein bißchen ärgerlich zu den Nachbarsleuten: „Vor 
kurzem war mein Lorenz noch bei klarem Verstände und jetzt 
da schwätzt er wieder alles durcheinander." Mit einem milden 
Lächeln hat dann der liebe Onkel Lorenz die Augen für immer 
geschlossen. In einem hinterlassenen Schreiben hatte er die 
Feier seines Begräbnisses festgelegt. In dem Schreiben hatte er 
bestimmt, daß auf seiner Beerdigungsfeier die Melfunger Stadt 
kapelle mitwirken sollte. Bon der Haustür bis zum Friedhofs 
sollte die Stadtkapelle die schöne Weise „Leb wohl, du grüne/ 
Wald" spielen. Auf dem Friedhofe sollte von der Stadtkapelle 
sein Lieblingslied „Am Brunnen vor dem Tore" erklingen. Fer 
ner hatte er bestimmt, daß hinter der Friedhofshecke ein Faß 
Bier mit 25 Liter aufgestellt wurde, das sollten die Musikanten 
trinken, wenn sie vom Friedhofe kamen. Der Herr Bürger 
meister, bei dem Onkel Lorenz das Schriftstück niedergelegt hatte 
sorgte dafür, daß die Stadtkapelle von Melsungen an dem 
Begräbnistage zur Stelle war und auch das Faß Bier stand an 
seinem Platze. Doch nun geschah es, daß die Beerdigungsfeier in 
einem eiskalten Winter stattfand. Kaum hatte sich der Trauerzug 
Stt Bewegung gesetzt, da erklangen auch die mächtigen 
Akkorde der Stadlkapelle. Doch kaum war man einige Schritte 
gegangen, da gab es bereits die ersten Mißtöne unter dep 
herrlichen Klängen, denn durch die furchtbare Kälte froren den 
Musikern nach und nach die Instrumente ein. Als der Zug 
auf dem Friedhofe ankam, war nur uoch der große Kaiserbaß im 
Takt und eine Klarinette quietschte noch so ein bißchen. Während 
der Beisetzungs-Feierlichkeit nahmen die Musikanten ihre In 
strumente unter den Mantel, in dem guten Glauben, daß diese 
doch schnell wieder auftauen würden, damit sie dann nach dem Se 
gen das Lieblingslied des Onkel Lorenz in seiner ganzen Voll 
kommenheit vortragen könnten. Nachdem nun noch einmal 
all die großen Verdienste des Entschlafenen in Erinnerung ge 
rufen worden waten und -die Schulkinder ein herzliches Ab- 
schiedslied gesungen hatten, setzten die Musikanten ihre In 
strumente an und der Kapellmeister winkte zum Einsatz. Mi/ 
ganzer Lungenkraft stießen sie in ihre Hörner, doch siehe da. kein 
einziges Instrument gab einen.Ton ab, sogar der große Kaiserbatz 
und auch die letzte Klarinette waren eingefroren. Alles schaute 
sich mit großer Aufregung an und man stand ratlos um da/ 
offene Grab des lieben Onkel Lorenz. Der neue Totengräber er 
kannte als erster die plötzliche Situation und stimmte das Lied- 
lingslied des Entschlafenen an und alle Anwesenden sangen' 
kräftig mit. Durch die furchtbare Kälte schnatterten die Frauen 
mit dem Kinn und der Gesang hörte sich wunderbar an, daß 
selbst Schubert sein Lied „Am Brunnen vor dem Tore" in solch 
einer Vollkommenheit niemals gehört hat. Als letzte verließen die 
Musikanten den Friedhof und nahmen ganz unauffällig hinter 
der Friedhofshecke bei dem Faß Bier Aufstellung. Doch bei dem 
Zapfen mußten sie zu ihrem Schrecken die Feststellung machen, 
daß das Bier zu einem Klumpen gefroren war. Musikanten wis 
sen sich ja nun immer zu helfen. Von einem in der Nähe befind 
lichen Strohhaufen holten sie schnell einige Bündel herbei, steck 
ten nun so ein Bündel an und hielten ihn unter das Bierfaß. 
Doch nach jedem abgebrannten Bündel kam nur so ein halbes 
Gläschen voll Bier heraus. Nach langem Hin- und 'Herüberlegen 
packte der Baßbläser das Faß auf den Ast und die ganze Ka 
pelle folgte ihm in das erste Haus. Hier wurde nun alles aufge 
taut und schnell wurde das Faß nach Musikantenart geleert. 
Nach kurzer Zeit waren auch die Instrumente wieder aufgetaut 
und nun erklangen süße und ernste Weisen. Trotz der Kälte 
war die Feier sehr schön und auch der Onkel Lorenz hätte sich 
bestimmt sehr darüber gefreut, wenn er das noch gesehen hätte. 
Leider war es ihm nicht vergönnt, diesen schönen Tag noch zu 
erleben. Ob nun der Äsbrands Doktor was für sein Wurstefett 
bekommen hat, ist mir nicht bekannt geworden. Wenn ihr. 
liebe Soldaten, in Urlaub kommt, dann könnt ihr ihn ja mal 
f rsl 9 cn ’ Euer Ortsgruppenleiter Steinba ch.
        

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