Full text: Europäischer Frieden

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Fußtapfen weiterwandeln wollten und keiner da war, der das 
Maß hatte, dies tun zu können. Allein die Größe des deutschen 
Zusammenbruchs erklärt sich wohl weiter auch als einfache 
Folge der steten deutschen Uneinigkeit, und der bodenlosen 
politischen Unreife, die sich vor dem Jahre 1866 äußerte in 
der** Lammgeduld, mit der die Deutschen den Interessenstreit 
der Häuser Habsburg und Hohenzollern ertragen haben und 
nach Bismarcks Entlassung in dem Uebermut, mit dem sie seine 
politischen Leitsätze verleugnet haben. Die Geschichte des Hauses 
Habsburg ist seit Karl V. eine Reihe versäumter Gelegenheiten, 
für die in vielen Fällen die jedesmaligen Beichtväter der regie 
renden Kaiser verantwortlich gemacht zu werden pflegten. Aber 
was in Oesterreich die Beichtväter taten, das haben in Preußen, 
wie Bismarck sagt, Kabinettsräte und ehrliche, aber beschränkte 
Generaladjutanten an versäumten Gelegenheiten zustande gebracht. 
Es ist im Interesse des europäischen Friedens tief zu beklagen, 
daß der Gegensatz der Häuser Habsburg und Hohenzollern zu 
einer großdeutschen Einigung es nie kommen ließ, weder 1813, 
noch 1850, noch 1863, als der Kaiser Franz Joseph die deut 
schen Fürsten zu einem Fürstenkongreß nach Frankfurt entboten 
hatte. Aber in gleicher Weise wurde es verhängnisvoll, daß die 
Deutschen, nachdem Bismarck ihre Einigung in einer beschränk 
teren Form unter preußischer Führung nach seinem besonderen 
Rezept zustande gebracht hatte, die Grundsätze dieser seiner 
Staatskunst statt sie mit Rücksicht auf die überaus schwierige 
Einstellung und die dadurch dringend gebotene Reserve und in 
Hinsicht auf die vielen anderen europäischen Interessen liebevoll 
zu pflegen, schnöde aufgegeben und in völliger Verkennung der 
überaus feinen Staatskunst Bismarcks eigne Wege einschlugen, 
und noch dazu vor und während des großen Krieges unglaub 
lich ungeschickter politischer Führung sich anvertrauten. Ueber- 
dies, wie 1866 die preußischen Generäle trotz aller Vorstellungen 
des Ministerpräsidenten darauf bestanden, in Wien einzuziehen, 
so haben sie 1870 Unglaubliches verlangt und nur dank der 
Meisterkunst Bismarcks ihren Willen nicht immer durchsetzen 
können. Daß kein großer Politiker im letzten großen Krieg da
	        

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