Full text: Zeitungsausschnitte über sonstige Veröffentlichungen

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 49 
Baseler Holbeiu's, die Wiener Albertina, die 
Sammlungen von Weimar, Florenz, Mailand, Venedig, Lille, 
Oxford rc., mit zusammen an 6000 Nummern publizirt. Es 
ist unleugbar, daß diese Braunfichen Facsimile's einen nicht 
zu unterschätzenden Einfluß auf die Kunstforschung geübt ha 
ben. Die Kritik machte jetzt nicht mehr Halt vor dem mehr 
oder minder beschädigten und übermalten Gemälde, sondern 
mit Hülfe dieser flüchtigen Skizzen, Akt- und Gewandstudien, 
welche Braun ihr zum bequemsten Gebrauch in die Hand ge 
geben hatte, ging sie dem Bilde bis in das Atelier des 
Meisters nach, erforschte dessen Entstehung, die allmächtigen 
Modifikationen des künstlerischen Gedankens, sie belauschte 
sozusagen den Meister bei der Arbeit. Keine Künstlerbiogra 
phie wird mehr geschrieben, kein Streit über Echtheit oder 
Unechtheit wird mehr geführt, ohne daß die Braunfichen 
Nummern aller Orten citirt, von hüben wie von drüben 
als wichtigste Beweisstücke aufgerufen werden. 
Braun begnügte sich aber nicht mit der Wiedergabe der 
Handzeichnungen; allmälig erschienen in seinen Katalogen 
auch Photographien von Gemälden, zuerst vereinzelt, dann 
kamen (1869) in geradezu epochemachender Weise die Fres 
ken des Vatikan. Michel Angelds Schöpfungen in der Sixtini 
schen Kapelle, Rafael's Stanzen und Loggien. Auch der 
jenige, der die gewaltigen Gestalten von Michel Angelo's 
Propheten und Sibyllen, die merkwürdige Komposition der 
Sündfluth, die auf den Sockeln der Umrahmung vertheilten 
wundervollen Jünglinge wieder und wieder im Originale 
gesehen, oder bei der stellenweise recht ungünstigen Beleuch 
tung zu sehen sich bemüht hat — wird gern zugeben, daß 
ihm mehr als ein Bild in ganz neuer Klarheit aus den 
Braunfichen Blättern entgegengetreten ist. 
Nachdem mittlerweile mehrere kleinere Kollektionen von 
Gemälden gefolgt, trat die Firma Braun vor mehr als Jah 
resfrist mit dem umfassenden Galleriewcrk über das beruhn,te 
Museum de8 Prado in Madrid hervor. M glücklich konnte 
die Wahl der Sammlung von vornherein bezeichnet werden, 
denn einerseits sind die Originale nicht allzuvielen Kunst 
freunden ans eigener Anschauung bekannt, andererseits waren 
bisher nur wenige Bilder dieser an Meisterwerken ersten 
Ranges so reichen Gallerte in genügender Weise reprodu- 
cirt. *) Der Katalog des auf eine Reihe von Lieferungen 
*) Das auf Kosten der spanischen Regierung vor Jahren 
herausgegebene lithographische Galleriewerk kann, ganz abgesehen 
von seiner Seltenheit, kaum den Anspruch erheben, selbst mkißi- 
vertheilten Werkes stellte eine ganze Reihe hervorragender 
Blätter in Aussicht: 13 nach Rafael, 26 nach Tizian, 17 
Vandyck, 32 Rubens, 50 Velarquez, 19 Ribera, 35 Murillo, 
rc. rc., und wenn auch dieser oder jener Mann vor der 
strengen Prüfung der Kritik nicht bestehen durfte, so glaubte 
man sich doch berechtigt, höchst Bedeutendes erwarten zu 
dürfen. Jetzt, nachdem mit der letzten Lieferung der Schluß 
des Werkes vorliegt, kann man getrost sagen, daß das ganze 
Werk die ihm allseitig gewordene freundliche Anfnahme ge 
rechtfertigt hat. 
Die in unveränderlichem Kohlendruck ausgeführten Blät 
ter lassen wenig zu wünschen übrig, selbst koloristisch sind die 
meisten derselben der Wirkung der oft recht nachgedunkelten 
Originale überraschend nahe gekommen. Auch die sorgfältigere 
Ausstattung der Unterfatzbogen bekundet gegen frühere Pu 
blikationen einen erfreulichen Fortschritt. Mit Dank anzuer 
kennen sind die vielen bedeutenden Bildern beigegebenen Auf 
nahmen einzelner Details in vergrößertem Maßstabe: so z. B. 
die Köpfe der Maria und des Christkindes aus Raphaells 
„Madonna mit dem Fisch", die beiden Frauenköpse aus des 
selben Meisters „Heimsuchung", der Kopf von Murillo's 
„Immaculata" rc. Außerordentlich belehrend über die Mal 
weise der Künstler sind wieder andere, wie z. B. die Köpfe 
des Aesop und Mcnippus nach Velasquez, die Portraits 
Van Dyck's und Sir Endymion Porters *) aus den, großen 
Doppelbilde, Murillo's Gallieierin, Dürer's Eva und manche 
andere. Kunstforscher wie ausübende Künstler werden solche 
Blätter, die ihnen jeden Pinselstrich des Meisters zeigen, mit 
ebensoviel Interesse als Nutzen sehen und studiren. 
Wenn nach allem Gesagten die Firma Braun mit dieser 
ihrer neuesten Publikation weite Kreise zu warmem Danke 
verpflichtet hat, so darf wohl auch der Hoffnung Raum ge 
geben werden, daß sie in ähnlicher Weise uns noch öfter er 
freuen möge: an vielen Orten sind noch Schätze zu heben, 
welche dem größeren Publikum wenig bekannt und wenn auch 
an äußerem Umfang der Gallerte des Prado nachstehend, 
doch durch ihren inneren Gehalt reichlich verdienen, allgemei 
ner bekannt zu werden.
	        
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