Full text: Zeitungsausschnitte über sonstige Veröffentlichungen

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm N 
Trauermärscheen geführt ein Zug Italiener mit der grün-roth-weißen Nationalfahne, ein einzelner Sarg, demnach 
einer Bürger-Abtheilung die in Berlin anwesenden Polen mit der polnischen und deutschen Fahne folgten. Jeder 
neue Zug von Särgen war von Gewerken mit Fahnen, Bannern und Emblemen begleitet. In einem imposanten 
Zuge folgte die Kaufmannschaft, während die Stndentcnzüge an verschiedenen Punkten vertheilt waren. Unter den 
vielen Sängerchören, welche sich angeschlossen, befanden sich auch die Knaben der Malmencschen Anstalt unter Füh 
rung ihres Erziehers. Den Beschluß der Särge machte ein ganz in Flor gehüllter Kindersarg. 
Einen mächtig erschütternden Anblick gewährte der große Zug der Leidtragenden, von den Geistlichen aller 
Confessionen geleitet. Reichlich wurden die Blumen, welche sie in den Händen trugen, mit Thränen benetzt, und auch 
manches Auge der Zuschauer wurde feucht, als die schmerzlich gebeugte Schaar, meist aus Fräucn und Kindern be- 
siehend, vorüberzog-. 
Demnächst folgten der Rektor der Universität, die Dekane der Fakultäten, sämmtlich in ihrer Amtstracht, 
eine Abtheilung Studirender mit dem Reichsbanner und der deutschen Fahne; der Magistrat und die Stadtverord 
neten, in deren Mitte die Trauerfahne; sämmtliche Communalbeamten, worunter der Polizei-Präsident v. Minutoli, 
von Bewaffneten und Trauermarschällen umgeben. 
Ein würdiges Zeichen der allgemeinen Theilnahme gab der Anschluß zahlreicher Deputationen anderer Städte, 
unter denen die Fahnen Brandenburg's, Magdeburgs und vieler andern sich mit der deutschen Fahne mischten. Auch 
die Einwohner ganzer hiesigen Bezirke hatten sich ucker besondere Fahnen gesammelt, und unter den bemerkenswer 
theu Anstalten traten die Borsig'sche, Egells'sche, Rüdiger'sche und Sigl'sehe, geführt von ihren Chefs, her 
vor. Besondere und verdiente Aufmerksamkeit erregte der Arbeiter Gustav Hesse ans Halle, welcher in der Blouse) 
und mit einem Lorbeerkranze geschmückt, einen Arbeiterzug führte; die Bürgergarde präsentirte vor ihm, dem braven 
Kämpfer des 18. und 19. März, das Gewehr, alle Hüte wurden grüßend vor ihm abgezogen. Mik der Blouse 
bekleidet, hatte er sich seinen Ruhm erfochten: in der Blouse wurde ihm die verdiente Anerkennung zu Theil.— 
Alle Einzelnheiten dieser großartigen Feierlichkeit- anzuführen, ist unmöglich; der Zug bestand aas mind stens 
zwanzigtausend Personen, und unzählig war die Zahl der Fahnen, Banner und Insignien, welche in demselben ge 
tragen wurden. Zahlreiche Musik- und Sängerchöre warenu'ibkrall vertheilt, und viele Tausende von Bürgerwaffe» 
blinkten auf dem weiteil Wege durch die Stadt. — 
Als der Zug von der Charlottenstraße nach den Linden eingebogen, und das Opernhaus erreicht hatte, 
wurde er von dem Domchor, den Mitgliedern des Königl. Theaters und der Singakademie, welche auf der Treppe 
daselbst aufgestellt waren, mit einem Choral empfangen. Er bewegte sich nunmehr nach der Schloßfreiheit, über. den 
Schloßplatz. Sobald er bei dem zweiten Portal angekommen, trat der König in der Mitte der Minister und Ad 
jutanten auf den Balkon heraus, von welchem die deutsche und zwei Trauerfahnen grüßend herabwallteu. 
Mit unbedecktem Haupte ließ der König die Leichen an sich vorbeiziehen. Der Zug ging sodann durch die Königs - 
uild Landsberger Straße und durch das ganz mit Grün und Blumen bedeckte Laildsberger Thor, welches die In 
schrift „Zum Andenken der Gefallenen" trug, nach dem höchsten Punkte des Friedrichshaines. 
Hier war ein Altar und eine Säule mit der Fahne aufgerichtet. Ein Grab, bestehend in vier, ein großes 
Viereck einschließenden Straßen, nahm die Gefallenen auf; sie wurden hier in doppelter Reihe, ohne Rang- »md 
Standesunterschied nebeneinander niedergelassen. Die weite Gruft gewährt Raum genug, daß bis zum späten Abend 
Theilnehmende zwischen den Reihen der Särge hindurchgehen konnten, um die Namen der gefallenen Opfer, welche 
auf bell meisten Särgen verzeichnet stehen, zu lesen. 
Der Bischof 1)r. Ne an der segnete die Leichen ein, die Leichenrede wurde von dem Prediger Sydow ge 
halten, in welcher er zur allgemeinen Versöhnung, zu Ruhe und Mäßigung, als der Bedingung zur Erreichung 
wahrer Größe ermahnte. Nächstdem übergab auch noch der Assessor Jung in einer Rede das Testament der 
Gefallenen; er forderte zur Wachsamkeit, zu festem Zusammenhalten und zum Fortschritt auf, damit das theure 
Blut unserer Brüder nicht vergebens geflossen sei. 
Den Platz, welcher durch die vier Straßen eingeschlossen wird, in denen die Leichen liegen, wird sicher ein 
entsprechendes Monument zieren, und so der Friedrichshain durch geheiligte Erinnerungen eine hohe Bedeutung 
gewinnen. — 
Ehre unsern ruhmvoll gefallenen Brüdern! — Stille Thränen der Wehmuth den Frauen, Jungfrauen und 
Kindern, welche wehrlos der heiligen Sache zum Opfer fielen! 
Wie sehr das Volk sich selbst in den Schranken der Ordnung zu halten vermag, davon zeugt diese, vielleicht 
großartigste Leichenfeier. Kein Militair, keine Polizei war nöthig, um überall jede Störung zu Vermeiden. Mit 
der Ruhe, wie sie solcher Feier angemessen ist, ging der große Tag vorüber; überall zeigte sich Ehrfurcht vor den 
gefallenen Opfern; jedes Haupt entblößte sich bei Annäherung der Leichen: es gab sich eine würdige Stimmung im 
Volke kund. 
Hoch weht in seiner Farben Glanze 
Der Freiheit Barmer durch das Land, 
Und freudig wogt im Siegeskranze 
Das Volk, das feine Freiheit fand. 
Doch seid getrost! die wackern Streiter/ 
Nicht fruchtlos sanken sie hinab: 
Wir bau'n der Freiheit Säule weiter 
Nun über ihrem Heldengrab. 
Im Kampfe nttißten wir erringen 
Das große, unschätzbare Gut; 
Wir »rußten theure Opfer bringen, 
Vergießen unsrer Brüder Vllrt. 
Urrd zwischen unsre Siegeslieder 
Tönt dumpfer Trauerglocken Klang 
Von allen Kirchenthürmen nieder, 
Und mischt sich in den Grabgesang. 
Es fielen in denr heitgen Streite 
Wohl Vater, Bruder, Sohn und Freund, 
Es klagen Eltern, Kinder, Bräute, 
Und heißer Schmer; jetzt Thränen weint. 
Habt mit der stillen Wehmuth Thräne 
Den schuld'gen Zoll Ihr dargebracht, 
Dann muthig auf! ja, dann motte 
Ans jeder Brust der Ruf mit Machn 
Wie sie int Kampfe muthig stritten 
Für unsrer Freiheit Heiligthum, 
Wie sie im Streit den Tod erlitten, 
Um;u erringen ew'gen Ruhm — 
So wolle» muthig wir auch stehen» 
So stehe jegliches Geschlecht, 
Wenn jemals wir ;um Kaitipfe gehen 
Für deutscher Freiheit heil'geS Recht. 
Gedruckt und zu haben bei Trowitzsch und Sohn in Berlin (Oberwasser-Straße Nr. 10).
	        

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