Full text: Zeitungsausschnitte über Grimmdenkmäler, -feiern, -sammlungen und -museen

Betrachten wir nun die Arbeiten int einzelnen- so sind drei Ent 
würfe ihrer Unzulänglichkeit wegen völlig auszuschließen. Bei einem 
derselben hat der Künstler so wenig von den Männern, die er ver 
herrlichen wollte, gewußt, daß er Jakob' Grimms vorzüglichstes Ber- 
dienst in seiner Tcilnahine an der Nationalversammlung erkennen 
und ihn dazu noch als einen ivild deelamireudett Bolksredner dar 
stellen zu nlüssen glaubte. Bon ben ernsthaften Entwürfen lenkt zu- 
rtächst das Atodell Eberleins die Auftlierksamkeit auf sich. Als 
Kunstwerk eine entzückende Schöpfung, wäre es des höchsten Lobes 
würdig, wenn es sich eben nur um Mnrchcndichter handelte. Es 
hat zunächst den besondern Vorzug, daß die Hauptgestalten, von 
denen Jakob sitzend, Wilhelm stehend dargestellt ist, außerordent 
lich kraftvoll in der Charakteristik unb mit reizvoller, die Grenzen 
der plastischen Bewegung fein bedenkender Weise den gegenseitigen 
Gedanketlaltstausch, die innige Seelengemeinschaft ausdrücken. Das 
Werk der Brüder besteht für Eberlein aber ausschließlich in dem 
iMärcheu. DieSockelfigur einer Frnuengestalt erzählt mehrern lauschen 
den Kinderlt Märchen. Rings um den Sockel laufen Kindergruvpen. 
Die einen eilen der Erzählerin zu, wobei ein kleines Mädchen sogar 
über die zum Sockel führenden Stufen füllt, andere schmücken diesen init 
einem Blumengewinde, an den Sockelrückeu schreibt ein Knabe: 
„Wir danken euch für eure Märchen!" Diese nackten und halbnackten 
Kiudergruppen sind in ihrem reichbewegten Au,bau und in dein lieb 
lichen Reiz des anmutsvollen Limenspiels kostbare Meisterwerke, unb 
für das Denkmal eines Jugendfreundes könnte man sich keine lieb 
lichere Erfindung denken. Die Gelehrtenarbeit der Brüder scheint 
Eberlein allerdings auch angedeutet zu haben, aber in einer, den 
meisten Beschauern fremden, sehr nebensächlichen wiewohl geistreichen 
/Weise. Er baut den, nebenbei bemerkt, für die List der beiden wuch 
tigen Figuren etwas zu schlanken Sockel in romanischem Stil auf. 
In dieser neben dem Nococo-Eharakter des Aufbaues lind der Be 
wegung der Kindergruppen künstlerisch sehr interessant wirkenden 
Stilistrung will er, ivie lvir vermuten, die altdeutsche Borzeit an 
deuten, mit Recht in dem Romanisnuls den deutschen Nauonalstil 
und das Zeitalter der grundlegenden deutschen Culturentwicklung 
erkennend. Ein solches kunstgejchichtliches Spiel ist aber für die 
überwiegende Mehrheit nnverstündlich und für die Sache selbst nicht 
durchgreifend genug. 
Echtermeyer i>t weniger glücklich im Entwürfe der Hauptfiguren, 
die, wenigstens in der Modellskizze, unfrei in ihrer Nebeneinander- 
stellung und in ihrer körperlichen Bildung gedrückt erscheinen. Am 
Sockelrücken stellt er die Bäuerin alls Niederzwehren bei Kassel dar, 
welche deil Brüdern eine große Anzahl von Märchen erzählt hat. 
An der Borderwand sehen wir ein gewaltiges Germauemveib mit 
weitausschalleildem Blick. Etwas anachronistisch hat das Weib eilten 
Fvlianteil im Schoße. C£iu Nabe sitzt neben lhr. Es soll daiilit die 
„Sage" angedeutet sein, unb bei der Schönheit der Gestalt würden 
wir froh sein, derselben über die Sage hinaus eine allgemeine „ger 
manistische" und nationale Bedeutung verleihen zu können. Da 
auch die Gruppe der erzählenden Bäuerin sehr lebensvoll lind sinnig 
ist, könnten wir diesem Entwurf einen größeril Wert beimessen, 
hätte der Künstler nicht den unglücklichen Gedanken gehabt, sein 
als Brunnen gedachtes Modell noch durch allerlei zwischen und 
hinter den Wasserstrahlen hantirende Gnomen zu verzieren. Damit 
-ist der ganze Aufbau in das Märchenhaste gedrängt, lleberdies sind 
.Gnomen ein spielendes Motiv von humoristlschem Gepräge, das im 
'Kuiiflgewerbe unb zuweilen auch in der Architektur sehr gilt ver- 
swendbar ist, bei einem Denkmale der Brüder Grimm aber doch nur 
'beweist, auf welch harmloser Stufe der geistigen Bedeutung Echter 
meyer gleich Eberlein die beiden Männer sich denkt. 
Wiese, der Director der Hanauer Akademie, ist von allen Be 
werbern am besten mit deut Wesen der Brüder vertraut. Er gibt 
wenigstens der „Forschung" neben dem Märchen gleiches Gewicht. 
In einem Brunnen-Entwurfe schafft er eine Reihe von prunkvoll 
wirkenden allegorischeir Figuren, >vie Mythe, Poesie, Märchen, For 
schung. Er gibt auch einem der Brüder eine altertümliche Urkllnde 
in die Haild. Das Bedenken gegen diesen reichen und verhültnis- 
mäßig "gehaltvollsten Aufbau liegt in der überaus phantastischen 
Wirkung der Gesamtheit der allegorischen Figuren. Die schlichten 
bürgerlichen Gestalten der beiden Brüder stehen dazu in einem auf 
fälligen Gegensatz, für beu die Masse der Beschauer, noch weniger 
als wir, eine geeignete Vermittlung finden wird. Ein zweites Modell 
Wieses zeigt einen mit Freitreppe lind Ballustraden breit angelegten 
Brunnen, der an den Seiten die Allegorien des Märchens und der 
Forschung enthält- die beiden Begriffe werdeic in anderer Weise 
ltvch einmal auf dem Sockel in Reliefform allegorisirt. Die Allegorien 
sind etlvas nüchtern unb lassen jeden nationalen Anklang vermisse», 
aber der Gesamtaufbait hat in seiner einfachen Vornehmheit ein edles 
monumentales Gepräge von schwungvoller Würde. Leider erwecken die 
leiten Haliptfiguren dieses zweiten Modells unsern entschiedensten 
Widerspruch. Wiese hat mit geistreicher Berivegeuheit versucht, die im 
Aufball hercscheilde architektonisch reine.Stilisirung durch die Charakte 
ristik der Hauptfiguren zu durchbrechen, wohl in der grundsätzlich sehr 
richtigen Meinung, dadurch das Ganze zu beleben u.>d vor frosüger
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.