Volltext: Zeitungsausschnitte über Grimmdenkmäler, -feiern, -sammlungen und -museen

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 48 
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Skizze aber diese persönliche Aehnlichkeit darstellen will, kann 
sie nur als ungenügend bezeichnet werden. Dieser Punkt ist des 
halb besonders hervorzuheben, weil die beiden, sehr realistisch ge 
haltenen Figuren den Anspruch zu erheben scheinen, das zufällig 
Persönliche treu wiederzugeben. Jakob würde nie so dagestanden, 
Wilhelm nie so dagesessen haben. Beide Gestalten machen mir, 
so betrachtet, einen ganz fremden Eindruck. Fehlt ihnen aber dies 
Element der intimen Aehnlichkeit, warum dann den Anschein 
erregen wollen, als sei es in besonderem Maße vorhanden? 
Persönliche Aehnlichkeit, wie die preisgekrönte Skizze 
sie darzubieten scheint, läßt sich aus vorhandenem Materiale 
nicht rekonstrniren. Man kann sie herstellen, indem man 
direkt nach dem Leben arbeitet, oder wenigstens unter dem Ein 
drucke sehr lebhafter Erinnerung steht. Aber auch in diesem Falle 
würde das schwerwiegende Bedenken eintreten, ob die Gestaltung, 
die der zufällige Anblick des täglichen Lebens in einzelnen 
Momenten zeigt, das Bild eines Mannes gewährt, das in einem 
kolossalem Erzwerke dem Volke nun für immer vor Augen gestellt 
werden soll. 
! 
Ein Künstler kann mit wenigen geistreichen Stricken einen 
Mann so hinzeichnen, daß mau den Eindruck seiner unmittelbaren 
Gegenwart empfängt. Sollte sein lebensgroßes Portrait aber 
in Oel gemalt werden, so würde diese Zeichnung nicht etwa 
nur vergrößert ausgeführt zu werden brauchen, um am besten 
V! r en Zweck zu erreichen. Und wiederum, ein vortreffliches 
Portrait in natürlicher Größe wurde, nicht etwa nur blos auf 
das doppelte oder mehrfache Maß zu bringen sein, damit ein 
kolossales Bildniß entstehe. Es giebt eine sehr geistreiche, höchst 
lebendige Statuette Goeche's von Ranch, die ihn im Hansrocke mit 
den Annen auf dem Nucken darstellt: man empfindet die sprechende 
Aehnlichkeit. Diese Statuette, in kolossaler Größe wiederholt, 
würde unerträglich sein. Große Männer, wenn deren Statuen er- 
richtet werden, dürfen nicht dastehen, wie der Moment sie einmal 
erscheinen ließ, sondern wie sie der Vorstellung des Volkes ent 
sprechen. Das-deutsche Volk will Jakob und Wilhelm Grimm 
Statnen errichten, die sie in ihrer edelsten Gestalt einfach und 
groß dastehen lassen. Dieses Werk hat vor allen Dingen die Auf 
gabe, denen, die zu ihm aufblicken, ein Gefühl der geistigen Macht 
einzuflößen, die von den Brüdern ausging. 
Ich erinnere an Nietschel's schöne Doppelstatue vor dem Theater 
zn Weimar. Da ist nicht' etwa zu sehen, wie Schiller zu Goethe 
kommt mit seinem neuesten Trauerspiel in der Hand, um es ihm 
vorzulesen. Sondern nebeneinanderstehend wendet jeder von ihnen 
sein Antlitz gleichsam dem ganzen deutschen Volke zn. So haben 
auch Jakob und Wilhelm Grimm zu thun. Nebeneinander standen 
sie ihr Leben lang. Immer batten sie die Einheit und Größe und 
den Ruhm des deutschen Volkes vor Augen. Nichts beirrte sie in 
der Lebensarbeit, die sie sich vorgesetzt. Eine herrliche Mischung 
von Willensstärke und Bescheidenheit erfüllte sie. Das ist es, 
was sie in erster Linie dem Volke theuer macht. Jhre^ einzelnen 
Arbeiten, von den Märchen, die sie noch als junge Männer aus 
zeichneten, bis zum deutschen Wörterbnche, das ihre letzte That war, 
kommen nicht in Betracht, wenn es sich um jene höchste Wirkung 
ihres Daseins handelt, die für das einige, aber so sehr znr Uneinig 
keit noch geneigte deutsche Volk das schönste Symbol dessen bildet, 
was von uns festzuhalten und was immer noch zu erstreben sei. 
Denn Vieles ist zwischen Nord- und Süddeutschland noch auszu 
gleichen, und auch dafür stehen die Brüder symbolisch da, weil 
Hessen zwischen dem Norden und Süden gleichsam zwischen 
inne liegt. 
Meine Aufgabe ist nicht, die Doppelstatue zu beschreiben, die 
diesen Anforderungen genügt: genügen aber muß sie ihnen und 
die preisgekrönte Skizze genügt ihnen nicht. Die Brüder sind so 
schlicht als möglich nebeneinander zn stellen. Die Aehnlichkeit muß 
gewahrt werden, aber nicht durch kleinliches Nebenwerk. Die 
Hauptwirknng jeder guten kolossalen Starne liegt darin, daß sie 
das Kraftvolle, auf sich Beruhende eines Mannes zur Erscheinung 
bringt. Große Männer so hinzustellen, sehen wir die Bildhauer 
stets bemüht, soweit wir umher- und, der Zeit nach, zurückblicken. 
Beispiele ans allen Jahrhunderten sind in solcher Fülle vorhanden, 
daß es nnnöthig wäre, einzelne besonders hervorzuheben. Herr- 
Wiese selbst ist'bei seiner schönen Statue Schinkel's von dieser 
Anschauung ausgegangen, einem Werke, das bei mir gleich Anfangs 
den Wunsch erregte, es möge ihm die Doppelstatue der Brüder 
Grimm ohne weiteres übertragen werden. 
Gries bei Botzen, den 2. Mai 1889.
	        

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