Full text: Zeitungsausschnitte über Raphael

Kunst- und Literaturgeschichte. 
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© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 43 
Professor Hewett hat in der vorliegenden Ausgabe eine sei, ^rauchbare Arbeit 
geliefert. Er gibt, was zu verlangen war, praktisch, genügend aber kurz, und aus 
vollkommener Kenntniß der deutschen Sprache und Literatur. Das Buch ist ein 
neuer Beweis für den Fortschritt des Studiums, das Goethe in Amerika gewidmet 
wird, und zwar mehr von dem englisch redenden Theile der Bevölkerung als von 
den vielen Millionen Derer, deren Muttersprache deutsch ist. Es scheint, daß diese 
Letzteren an der großen, Goethe sich zuwendenden geistigen Bewegung nicht den gleichen 
Antheil nehmen. Vielleicht aber ist unsere Unwissenheit an diesem Urtheil schuld, 
und es sollte uns freuen, wenn uns eine Berichtigung zu Theil würde. 
7. Das Genie. Vortrag, gehalten im Saale des Ingenieur- und Architektenvereins in Wien 
von Franz Brentano. Leipzig, Verlag von Duncker & Humblot. 1892. 
Genie war vor hundert Jahren das große Wort in Deutschland. Nur aus 
erwählten Geistern war das Genie eigen. Von ihnen wurde Alles erwartet, ihnen 
war Alles erlaubt. Heute muß inan dem Publikum schon zu Hülse kommen, wenn 
es sich unter Genie etwas denken soll. Und so sehen wir den vornehmsten Vertreter 
der Philosophie an der Wiener Universität dem Wiener Publicum gegenüber das 
Amt eines Erklärers übernehmen. 
Franz Brentano will das Genie nicht als Etwas gelten lassen, das nicht jedem 
Menschen eigen sein könnte. Er erklärt es nicht als eine specifische Kraft an sich, 
sondern als im höchsten Grade gesteigerte ästhetische Empfindlichkeit. Wir stimmen 
hierin mit ihm überein: Genies bleiben immer Menschen, und jeder Mensch könnte 
unter Umständen leisten was sie leisten, ohne daß er genöthigt wäre, seine Mensch 
heit abzulegen. Dies also nehmen wir an und fühlen uns auch darin mit Brentano 
einverstanden, daß wir dieses Verhältniß nicht als ein unsere Verehrung vor dem 
Genie beeinträchtigendes ansehen. Im Gegentheil: je mehr wir fühlen, was der 
Genius als Unsereiner leistet, um so deutlicher empfinden wir, wie weit er uns über 
und wir ihm unter seien. 
Eins aber erklärt Brentanos Erklärung doch nicht: wie bei genialischer Production 
aus den verschiedensten Eindrücken etwas Neues, absolut Eigenthümliches, mit gleichsam 
selbständigem Leben Begabtes entstehe, das, unabhängig von seinem Producenten, ein 
eigenes Dasein beginnt. Mögen wir Hamlet's Person z. B. in allen Einzelnheiten 
auf Eindrücke zurückführen, welche Shakespeare empfing und verarbeitete, so daß sie 
nur ein Collectivbegriff mannigfaltiger chemisch nachweisbarer Gedanken und Gefühle wäre, 
die jeder andere Mensch auch hätte empfangen können und die nur bei Shakespeares 
außerordentlicher ästhetischer Empfindlichkeit gerade ihm in so großer Fülle und Leb 
haftigkeit zuströmten, daß er allein die Tragödie zu produciren im Stande war: wie 
geschah es, daß Hamlet fich so weit von Shakespeare ablöste, daß er gleichsam als 
Wesen für sich weiter existirt? Diese Eigenschaft, ein lebendes Dasein für sich zu 
führen, theilt Hamlet mit anderen Gestalten, welche von Dichtern, Malern und Bild 
hauern ersten Ranges, und zwar nur von diesen hervorgebracht worden sind, und sie 
wird immer etwas behalten, das der Erklärungsversuche spottet. Wollte Franz Brentano 
diese Eigenschaft überhaupt in Abrede stellen und Hamlets Person für Etwas nehmen, 
das nur scheinbar eine derartige eigene Existenz führe, in Wahrheit aber ein bloßes 
Konglomerat von Worten sei, das zusammenzubringen bei gehöriger ästhetischer 
Empfindlichkeit jedem Menschen gelingen müsse, so könnten wir ihm zwar nicht das 
Gegentheil beweisen, würden aber auf gut Glück behaupten, daß viele Menschen unsere 
Meinung theilen, und in der schöpferischen Kraft Shakespeares, Goethes und anderer 
Genies eine positive Gabe bewundern und verehren werden, die nur wenigen Sterb 
lichen verliehen wird. 
Deutsche Rundschau. XVIII, 4. 
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