Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Goethe

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm N 
nach für alle gieret beS getfttgen .geben» 
IBrofa geworben. 2)urch ©Wetlmg tft fte t« bxe 
butcb ©atiianb in bie SuriSprubena, bureß aiejanber b. Huiu 
bolbt in bie ^aturwiffenfehaften, bureß ^ilbelm o. ^umbolbt tit 
bie tobilofoübifebe ©eleljrfamfett etngebtungen. an unter öncfftü 
beruht auf bem ©oetße’S. Unacibltge SBenbungen, bte Wir ge* 
braunen, ohne nach iß*er (Quelle au fragen, Weil fte uns au 
natürlich au ©ebote fielen, Würben u*S ohne ©oethe ber* 
fchloffen fein." 
Ent foldje ©ehaußtnngen in bie SBett au fchleu* 
bern, fdjeint c$, bebarf e& bodj einer grünblicfjen ©e* 
weiSfühiung; bie nachbrücflicßen gragejei^en, welche ber 
unbefangene Sefer hinter faft jeben biefer ©äfee au fteUen 
fich gebrungen fühlt, bermag ©rimm’S einfaches Machtwort: 
„fo ift es" nicht ju unterbrüefen. 
»uch ber folgenbe Sah, ber auf biefen ^rämiffen ruht, 
giebt au berechtigten Bwdfeln aniah: „aus biefer ©tnßeit ber 
©brache ift bet uns bie Wahre ©emeinfamfeit ber höheren 
getftigen ©enüffe erft entfbrungen, unb ohne fie wäre unfere 
bolitifche ©inbeit niemals erlangt Worben, bie einzig unb allein 
ber unabtäfflg borbringenben Xbätigleit berjenigen bei unS ber* 
banlt wirb, bie Wir im ßöchften ©inne bie „©ebilbeten" nennen, 
unb benen ©oethe auerft bie gemeinfame Dichtung gab." — 
Man mag ©oethe als unferen größten dichter, als ben ©fofet 
ber ganaen ©poche, ber er angehörte, als einen ©eift, ben ein 
Voll nur in langen Bwifdjenrä unten in folcher Hoheit unb 
©röße aus fich au eraeugen bermag, als einen dichter für alle 
Bett, ber fich Würbig ben brei größten Seamen: Corner, 35antc, 
©hafefbeare, anreiht, gelten taffen unb barin bodj eine Heber* 
fcßäfcung finben, bie fich wit nichts rechtfertigen läßt, als mit 
einer übertriebenen blinben Vergötterung. $>tefe macht fich 
natürlich auch in ben weiteren auSführungen beS ©ucheS 
gettenb. 
3m allgemeinen ift unfere Iritifctje, reatiftifdje, einem un* 
befangenen ffunftgenuffe Wenig geneigte 3«* auch in ihrem Ver 
halten au ©oethe eher ablehnenb, als unbebingt hutbigenb. Man 
wirb in bielen Greifen ber ©ebilbeten eine Weit größere Hin 
neigung a« Seiner finben, unb ©oethe’S ©haralter, fein 
©aotSmuS, namentlich auch baS, was man patriotifchen 3«* 
Differentismus nennt, werben oft genug bem dichter aum Vor 
wurf gemacht, ©egen biefe ©timmen, bie jich wenigftenS nicht 
au unbebingt unb uneingefchränft a« ©eßör bringen foUten, 
fönnte bie begeifterte SlpotHeofe biefeS QüngerS als ein heilfameS 
©egenmittel betrachtet werben, wenn nur nicht baS aUju große 
Jener, baS öeftreben, ben HmwS bon jebent Mafel rein bar* 
juftellen, über baS Biel hi*«u$ fchöffe unb jtcher ber gegenteiligen 
Meinung neue SEaffen gäbe. ©oetjje’S ©erhältniß au Örieberile 
Vrion oon ©eefenheim wirb fich nie rechtfertigen laffen. ®ie 
oon tieffter ßeibenfhaft überftrömenben ©riefe an ©harlotte öuff 
jin SBefclar, bor fewer Trennung gefchrieben, Währenb ec ben 
anberen £ag bergnügtefter ©timmung bie Sahn hinunter reift 
unb in bem Sarodhe'fchen Haufe in $oblena burchauS 
heiter berweilt, unb .fo manches anbere finb Büge, 
Welche bie Verehrung für ©oethe ftcher nicht fteigecn. Unb 
©rimm’S anbeutungen, als habe ©oethe in Jrieberife ben 
Sfeim iöbtlicher ßranfheit entbeeft unb fich beShatb bon ihr loS- 
gemacht, ober feine Jurcßt, als fönnte er in Sötte eine Seiben* 
fchaft für fich erweefen, bie ihm aum Verberben gereichen fönnte, 
ihn aum abbruche beS VerhättniffeS beftimmt, helfen barüber 
nicht hinweg, aber baS ift auf ber anberen ©eite gewiß nicht 
minber wahr: fo groß unb einzigartig erfchien ©oetße’S SBefen 
wieber unb fo reich bie anregungen, bte er auSftrahlte, baß alle 
beren H 
Welche er häufte unb 
Heraen er bis aum ©rechen 
berwunbete, fo Jrieberife, fo Botte unb ßeflner, Welche anfangs 
über bie cofoffale 3ubiScretion in SBerther’S Seiben nicht wenig 
inbignirt waren, ebenfo Sili ©dfonemamt, mit ber er fich berlobt 
hatte — freilich nicht ber allein fcßulbtge $h«l bei ber aufhebung 
beS ©unbeS — ihm feinen B»tn unb ©roll bewahrten. Mit 
ade« erfolgte eine auSbrüdluße, boflftänbige ©erfößnung; er 
War ein SÄenfd), ber mit befonberem Maße gemeffen warb, weil 
er es berfciente. gretlich fönnte baS in ihm Den genialen ©gois- 
muS, bon bem er nicht freiauforechen ift, obwohl berfelbe fich mit 
feltenen ©igenfeßaften auch beS Helens, Welches ©üte unbSBohl* 
wotten in hohem Maße fannte, berbanb, nur fteigern, aber 
gerabe baS muß man bei einer baßttt aieleuben ©eurttjeilung 
beS Richters nicht aus ben äugen laffen. auch baS Verhältnis 
au ©hriftiane VulpiuS, Weites faft 20 3ah*e lang aum großen 
anftoß ber Umgebung beftanb, ehe es bie firchliche ©anction 
fanb, muß entfliehen fchärfer beurtheilt werben, als ©rimrn es 
einräumen will. Matt fann bie Sage, in ber ©oethe ftd) befanb, 
unb in ber ber H*uptgrunb bafttr liegt, bollfommen würbigen 
unb Wirb fich both hüten rnüffen, in einer Uebertragung italienifdöer 
auffaffungen unb anfdjauungen eine genügenbe ©cflärung bafür 
finben au Wollen. SDagegen wirb man feine bolle ©iUigung bem 
nicht oerfagen fönnen, was ©rtmm über ©harlotte oon ©tein 
unb ihr Verhalten au ©oethe fagt, unb es mag ausbrücflich 
bemerft werben, baß er fein 2Bort ber ©ntfchulbigung borbringt 
für ben maßlos rücffichtSlofen ©rief, in welchem er ibr bie alte 
greunbfehaft tünbigt.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.