Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Unüberwindliche Mächte

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© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 36 
Bemerkungen über Politik, Wissenschaft und Kunst. Wie 
bei vielen unserer jetzigen Theaterstücke, so muß auch 
bei diesem Roman die glänzende Ausstattung für den 
mangelhaften Inhalt entschädigen; der Verfasser bietet 
uns zwar, anstatt eines Diamanten nur einen Rheiukiesel, 
aber in einer kunstvollen Fassung, und diese Fassung, 
aber auch nur sie allein, verleiht dem Werke einen keines 
wegs unbedeutenden Werth, so daß wir es immerhin 
als eine anregende und fesselnde Lektüre empfehlen können. 
Ganz anders der englische Roman! Hier ist die 
Diction eine weniger glänzende, weniger geistreiche, aber 
dafür der Inhalt von desto größerem Werthe. Die Er 
zählung bewegt sich nämlich nur innerhalb der engen 
Grenzen einer englischen Landstadt und ihrer nächsten 
Umgebung: und dennoch würden wir, wenn nach Tau 
senden von Jahren nur dieses eine Werk von der ge- 
summten Literatur der Gegenwart noch erhalten wäre, 
im Stande sein, aus demselben das Leben, wie es jetzt 
im englischen Volke in seinen Höhen und in seinen Tie 
fen pulsirt, zu erkennen, gleich wie unö die Ilias und 
die Odyssee ein treues Abbild des griechischen Alterthum- 
vorführen. Mit allen Schichten der Bevölkerung treten 
wir in die innigste Berührung, nicht nur die Thüren 
der Schlösser wie der Hütten werden uns geöffnet, auch 
die Herzen ihrer Bewohner erschließen sich uns, und was 
dieselben bewegt, seien cs die kleinen Sorgen des häus- 
lichen Lebens, oder die hohen Bestrebungen für das Wohl 
des Allgemeinen, sei es das erste, unbewußte Keimen 
einer zarten Neigung im Busen der Jungfrau, oder der 
wilde Sturm der Leidenschaft in des Mannes Brust, eS 
wird, selbst in den kleinsten Zügen mit psychologischer Wahr- 
heit gezeichnet, vor uns aufgedeckt. Auch der Held des 
englischen Romans ist ein Kämpfer gegen die in Sitten 
und Gewohnheiten begründeten Vorurtheiic, er ist rin 
Radikaler, — nicht in dem gewöhnlichen Sinne deS 
Wortes — er hat die Wurzel unserer sozialen Uebel- 
stände in der Rohheit und Unwissenheit der Massen er 
kannt; hier giebt eS zu bessern und zu reformiren; er 
selbst, ein wissenschaftlich gebildeter Mann, wird ein Ar 
beiter, um seinen StandeSgenoffen durch seine Lehre und 
sein Beispiel den rechten Weg zu zeigen, um durch innere 
Arbeit das Vollgefühl der Würde ihres Standes und 
die unerläßlichen sittlichen und geistigen Bedingungen 
einer politischen und sozialen Gleichberechtigung zu er. 
langen. Die Heldin ringt sich in heißen Kämpfen und 
unter den lockendsten Versuchungen die Erkenntniß ab, 
daß wahre Tüchtigkeit und Bildung jeden Unterschied 
des Standes und der Verhältnisse zu überwinden, — vor 
Allem aber, daß nur das unermüdliche Strebe» nach 
reiner unverfälschten Wahrheit dem echten Menschen auf 
die Dauer einen befriedigenden Inhalt seines Lebens zu 
gewähren vermag. Und hier erst berühren wir, wie der 
Uebersetzer in seinem Vorwort treffend bemerkt, — den 
eigentlichen Kernpunkt unserer Dichtung, der ihr einen 
so hohen Werth verleiht. Aus dem ganzen Werk in 
allen seinen Phasen und Verwickelungen, in allen seinen 
Gestalten mit ihren Schicksalen spricht die eine große 
Lehre: daß aller geistige und moralische Firniß dieser 
Welt, und träte er noch so verführerisch auf, und wäre 
er durch die Verhältnisse noch so sehr erklärt und ent 
schuldigt, vor der Wahrheit, dem durch keine Rücksichten 
gebundenen Ringen nach Erkenntniß und sittlicher AuS- 
gestaltung der eigenen Persönlichkeit, doch endlich weichen 
und in sein Nichts zurücksinken muß. 
Die Uebersetzung ist, wie dieses von einem so aner 
kannten und auf verschiedenen literarischen und wissen- 
schaftlichen Gebieten erprobten Gelehrten, wie Dr. Emil 
Lehmann, nicht anders zu erwarten stand, nicht nur eine 
durchaus korrekte, sondern auch trotz der treuen Wieder 
gabe des Originals in Wort- und Satzbildung im 
Geist der deutschen Sprache gehalten und liefert somit 
ein Kunstwerk, welches dem englischen Roman würdig 
zur Seite steht.
	        
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