Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Essays

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 34 
aus: Nationalzeitung- Mrgenausgabe, Nr.267, 
1865,Jun.11, S. 2-3 
Hermann Grimm s Essay s. 
Neue Essays überKunst und Literatur von Hermann 
Grimm (Berlin, Dümmler's Verlagsbuchhandlung, 1865). 
Aus England und Frankreich herübergekommen, findet 
seit einer Reihe von Jahren die Kunst deS EffaY'S eine 
immer größere Pflege, größeren Anklang bei uns. Die Ueber 
zeugung bricht sich Bahn, daß wir auch in dieser Gattung 
der Literatur unsere Vorgänger und Vorbilder erreichen wer 
den; wie ja die jüngst veröffentlichten Briessammlungen be 
wiesen haben, daß unsere besten Geister ebenso gut Briefe 
zu schreibe» verstanden, als Voltaire und Diderot und Marie 
von Sevigne. Man möchte sagen, unsere vielgeschäftige 
Gegenwart habe ein dunkfis Gefühl von der Nothwendigkeit 
der Essay's, die ihr in gefälliger, leicht übersehbarer Form 
eine Fülle deS Wtssenswürdigstm darbieten und sie, ohne ihr 
einen allzugroßen Theil ihrer kostbaren, für politische Fragen 
und industrielle Bestrebungen verwendbaren Zeit zu rauben, 
über die verschiedenartigsten Dinge unterrichten. Fast uner 
meßlich ist unser Besitz in Künsten und WisseHchaften, 
täglich schwillt er durch neue Entdeckungen und Forschun 
gen an, mit ihm steigen die Forderungen, die wir an 
einen gebildeten Mann stellen. Was brauchte vor hundert 
Jahren selbst ein Gelehrter von Aegypten und China zu 
wissen? Jeder, der jetzt eine Universität bezieht, weiß mehr 
von diesen Ländern und Völkern, als Voltaire. Und wie in 
diesem, so in allen Fällen. Die „bewunderungswürdige" 
Kenntniß deS Alterthums, daS heißt: eine außerordentliche 
Belesenheit in den klassischen Schriftstellern der Griechen und 
Römer — die das achtzehnte Jahrhundert in einzelnen 
feiner Gelehrten anstaunte, war leicht zu erlangen. 
Damals betrachtete man eben dies Alterthum als einzige 
und hauptsächliche Quelle der Bildung. Nur in den 
dürftigsten Fragmenten war die Geschichte, Kunst und Kultur 
deS Mittelalters bekannt. Namen wie die Dante'S, Shak- 
speare'S, Calderon'S wurden nie in der gebildeten Gesellschaft, 
bis in die Mitte deS 18. Jahrhunderts, gehört. In Lessing'S 
„Laokoon" sucht man vergebens eine Bemerkung über Michel 
Angelo, Rubens oder die großen niederländischen Landschaf 
ter; wer könnte heute „über die Grenzen d-r Dichtkunst und 
Malerei" schreiben, ohne sie zu erwähnen? Es ist die Auf 
gabe der Gegenwart, diesen geistigen Besitz, den die Mensch 
heit erworben, zu ordnen, die Goldbarren dieses Schatzes zu 
Goldmünzen zu verarbeiten und zu verbreiten. Nur Wenige 
finden jetzt noch Zeit und Muhe, sich ausschließlich einem 
Gegenstände zu widmen. Dies mag beklagt werden, aber 
zuletzt lebt doch Jeder nur in feiner Zeit und muß sich wider 
strebend oder gutwillig ihren Forderungen fügen. Hier tritt 
nun der Essay als die Erfüllung eines unabweiSlichen Be 
dürfnisses auf. In engster Verbindung steht er mit dem Auf- 
kommen und der wachsenden Macht der Zeitungen. Die 
erste Zeitschrift — im würdigen Sinne des Worts — der 
englische „Zuschauer" hat auch die ersten Essay's, die von Addison 
und Steele hervorgebracht. Der Essay giebt mehr und we 
niger als ein gelehrtes Werk über denselben Gegenstand; 
weniger, denn er vermag und will den Gegenstand weder 
nach allen Seiten betrachten noch in all' seine Beziehungen, 
Ursachen und folgen eindringen; mehr, denn indem er eine 
Seite vor allen ins Auge faßt, hierauf Aufmerksamkeit und 
®eoanfctt macht er sie und mit ihr den Gegen- 
Übst dem Leser oder Hörer deutlicher, verständlicher, 
zugänglicher. Es ist da wie beim Bergsteigen. Wer während 
des Weges nicht stillsteht, sich nicht wiederholt umschaut, ge° 
nicht vom Gipfel eines schöneren und überraschenderen An- 
bucks,. als der andere, der überall verweilend, den Weg mit 
all fernen Krummungen, den Berg mit seinen Eigenheiten 
besser kennen lernt, oben aber, da seine Augen schon gesättigt 
fiud, nur noch die Hälfte deS Genusses empfindet. Der 
Essay soll ein Kunstwerk sein, unsern Verstand wie unsere 
Phantasie gleich beschäftigen, nicht eine wissenschaftliche Ab- 
Handlung, die nur den Inhalt, nicht die Form der Dar- 
stellung berücksichtigt. Wie im Kunstwerke soll sich auch in 
ihm der Geist des AutorS abspiegeln, je reicher und origina 
ler dieser Geist ist- desto eher wird sich dann der Essay an 
die größeren und reineren Kunftschöpsungen anschließen dür- 
se». Emerson in philosophischer, Macaulay in historischer 
Anficht schemen mir zwei hervorragende Muster zu sein, ihre 
Vorzüge zu vereinigen bleibt die schöne und schwere Aufgabe 
d.s deutschen Geistes.
	        

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