Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Essays

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 34 
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Asnr-ts Jacob Carstens. 
Zehn ausgewählte Essays zur Einführung in das 
Studium dev modernen Kunst von Herman Grimm. 
Berlin, Dümmler. 1867. 2 
Von Klaus Groth. 
Von Carstens sogt Herman Grimm in dieser 
Beziehung: „Von Anfang an verfolgen wir sein 
Streben nach Umfassen alles Geistigen, sein Be 
mühen, sich auf die Höhe der Bildung seiner Zeit 
emporzubringen, als muffe ihm alles Uebrige 
dann von selbst zufallen." 
Ich kann nicht leugnen, daß mir bei diesen 
Worten ein anderer großer Landsmann, dessen 
Ringen aus dem Nichts empor zu einem unserer 
ersten Dramatiker ich genau verfolgt habe, Friedrich 
Hebbel, immer mit vorgeschwebt hat. — Herman 
Grimm fährt fort: „Dieser Drang, den man die 
Seele unsers modernen Bewußtseins nennen 
könnte, muß wie in der Luft geschwebt haben. 
Denn woher nahm wohl Carstens diese Lehre, 
mit der er überall anstieß, an der er beinahe zu 
Grunde ging und die unerschütterlich in ihm 
lebendig war." Bei allen früheren Künstlern 
1 war das Erste: zu leben und dafür vor allem 
! Andern zu arbeiten. Selbst Michelangelo will 
j Geld gewinnen, sei cs auch nur für seinen Va- 
I ter oder seine Brüder. Carstens' große Dürftig 
keit (in Berlin namentlich) entstand besonders 
daraus, daß er, als unwürdig erachtend, ferner 
sein Brod durch Portraitirm zu erwerben, mit 
aller Kraft sich nur auf seine idealen Arbeiten 
warf. Zu mächtig aber war das Gefühl in 
ihm, er dürfe keinem andern Wegweiser folgen, 
als seinem eigensten Instinkte, wie er ihn vor- 
wärts trieb. Er freilich ging darauf in diesem 
Kampfe, aber er bildete die Lehre, wodurch 
Männer wie Schinkel und Cornelius so groß 
geworden sind, die Lehre, daß nicht einseitig Kunst, 
sondern daß das Leben studirt werden muffe in 
seinem ganzen Umfange." 
Also wenn eine Mitgift von zu Haus: ver- 
hängnißvoll zugleich, ja sogleich vom Anfang 
seiner Laufbahn an. Grimm erzählt: „Carstens 
hätte früher (ehe er Lehrling bei einem Wein- 
bändler in Eckernsörde wurde) bereits treffliche 
Gelegenheit gehabt, die Malerei zu erlernen, zu 
der von der ersten Jugend auf seine Neigung 
stand. Was ihn aber verhinderte, zuzugreifen, 
war sein Stolz, und dieser Stolz weht wie ein 
schneidender Ostwind, möchte ich sogen, fein gan 
zes Leben durch und hat zum großen Theil seine 
Schicksale mit gestaltet. 
Durch Vermittelung von Freunden nämlich 
war bei dem damals berühmten, in Caffel woh- 
nenden Maler Tischbein angefragt worden, ob er 
ihn in die Lehre nehmen wolle. Dieser ver 
langte Verpflichtung auf sieben Jahre, Lehrgeld 
nicht, wohl aber Dienste seines Schülers als eines 
Bedienten. Ties nun hätte Carstens erduldet, 
aber daß er auch erforderlichen Falles hinten auf der 
Kutsche stehen sollte, wenn der Geheimrath Tisch 
bein ausfuhr, schien dem jungen Menschen zu 
stark, und er wies den Vorschlag von der Hand." 
Mit demselben Stolz erklärte er später als 
Schüler der Malerakademie in Kopenhagen, als 
einem mittelmäßigen Schüler ungerechter Weise 
eine Auszeichnung zu Theil wurde, die ein An 
derer verdient hatte und hätte haben sollen, in 
öffentlicher Sitzung, in der auch er eine Medaille 
empfangen sollte: er weise sie zurück. Wofür 
mit warmem Strohdach unter hohen Eschen steht, 
Enten und Hühner umgackeln es, die Grotdör 
steht gastlich offen, wer so weit gekommen, und 
die ehrliche Hand von Mann und Frau gedrückt, 
der wappne sich gegen die unangenehmste Ucbcr- 
raschung, wenn ihm diese harten Hände die 
Staatszimmer öffnen: Alles blank und Maha- 
gonibolz! Sopha, Stühle, Alles unbequem, auch 
eigentlich nur zum Bewundern. Spiegel mit 
Svldrahmen, die scheußlichsten bunten Steindrucke, 
meistens französische aus Paul und Virginic 
und dergl. on den Wänden. Alles aus den 
ersten Läden von Kiel oder Hamburg für theu 
res Geld gekauft. Alles erste Mode. Tie ehr 
lichen unmodischen Besitzer paffen dahinein wie 
der Müller in einen Tuchladen, fühlen sich auch 
selbst unbehaglich. 
Das war in früheren Zeiten ganz anders und 
bester. Damals war unser Volk ein Volk mit 
Kunstsinn und Geschmack. Und warum denn 
nicht? Weil es zu nüchtern und verständig ist? 
Daö widerspricht gar nicht der Behauptung. 
Jeder Handlungslehrling wird sich freilich sogleich 
ausnehmen, wenn er einige Jahre an Zeug und 
er dann durch ein förmliches Decret aus der 
Akademie gestoßen wurde. 
Doch mit Zähigkeit und Ausdauer, gar Stolz 
und Starrsinn, wird Niemand allein am wenig- 
sten ein großer Künstler. Vielleicht, ja wahr 
scheinlich hat Carstens noch eine andere Mitgift 
vom Hause, von seinem Volke aus mit erhalten, 
die in ihm diesen feinen Formensinn und den 
Trieb zu künstlerischer Gestaltung zur Lust und 
Leidenschaft erweckt; eine Gabe, von der weder 
Grimm noch Carstens' eigentlicher Biograph Fer- 
now, der sonst mit so großer Umsicht, mit Liebe 
und Verehrung uns alle Spuren dieses kurzen 
leisen aber gewaltigen Daseins aufbewahrt hat, 
spricht. Darüber möge man mir denn einige 
Worte zur Ergänzung gestatten. 
Unser Ländchen war in früheren Zeilen, noch 
im 17. Jahrhundert nicht so nüchtern. leer an 
Kunst und haar des Geschmackes, wie man nach 
seinen jetzigen Bewohnern, Wohnungen, Möbeln, 
Hausschmuck und Kleidung schließen sollte. Da 
herrscht jetzt freilich bei uns die nackte Prosa 
oder der Ungeschmack. Wer in das Hans eines 
wohlhabenden Bauers tritt, das noch wie einst 
bunten Bändern seinen Geschmack geübt. Also 
wenigstens ließe Geschmack sich lernen, demnach 
auch ruiniren. Wer einmal eine junge schöne 
Föhringerin in ihrem Sonntagsstaat gesehen, der 
wird zugeben muffen, daß dies wirklichen Ge- 
schmaü bekundet nach Formen und Farben. Der 
Stamm, der sich diese Kleidung allmählich ange 
paßt, ist noch derselbe von alt her, derselbe der 
eben südlrch über die Elbe hinaus die großen 
Maler in ganzen Schaarcn geliefert bat. Wo 
durch sollte der denn nördlich der Elbe sogleich 
Formen - und Farbensinn eingebüßt haben? 
Wodurch sollten wohl N ederländer und SchleS- 
wig-Holsteinische Sachsen und Friesen so grund 
verschieden nach Einer Richtung geworden sein, 
die dieselbe Sprache redeten, denselben Gedan 
kenkreis in Poesie, Mythologie u. s. w. durch- 
laufen hatten? sich dieselben Mährchen erzählten, 
dieselben Lieder sangen? Auch keineswegs aus 
dem täglichen Verkehr mit einander getreten 
waren, wie leider in unseren Tagen. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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