Volltext: Rezensionen von Herman Grimm in der Deutschen Rundschau (1881-1890)

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© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 30 
Literarische Notizen. 
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trifft den Verfasser der Vorwurf, daß er das 
Dogma: „Luther ist der Schöpfer unserer Gemein 
sprache, und die Geschichte dieser Gemeinsprache 
ist eben die Geschichte des lutherischen Deutsch" 
zur Grundlage seiner Darstellung macht, ohne 
ihm die noch immer fehlenden wissenschaftlichen 
Stützen gegeben zu haben. So läßt er denn 
durchgehends die Sprache der hervorragenden 
Dichter und Schriftsteller des 16. und 11. Jahr 
hundertsunberücksichtigt, und ebensowenig gönnt 
er der officiellen Kanzleisprache von Luther ab 
diejenige Aufmerksamkeit, die sie bis ins vorige 
Jahrhundert hinein verdient. Von Lessing, den 
der Titel nennt, ist in dem Werkchen nirgends 
die Rede. 
v. Geschichte der Niederländischen Litte 
ratur. Mit Benutzung der hinterlassenen 
Arbeit von Ferd. von Hellwald verfaßt und 
durch Proben veranschaulicht von L. Schneider 
(Geschichte der Weltliteratur in Einzeldar 
stellungen, Bd. IX). Leipzig, Wilh. Friedrich. 
Was diese bis auf die allerjllngste Gegen 
wart führende Darstellung der niederländischen 
Literaturgeschichte vor den meisten andern Werken 
der Sammlung, in der sie erscheint, auszeichnet, 
das ist der größere Respect vor der Wissenschaft 
und die wirkliche Vertrautheit mit deu Resul 
taten der gelehrten Forschung, welche die Ver 
fasserin bekundet. Frau Lina Schneider, die uns ! meers bis zu den Canarischen Inseln) beginnt 
bereits (unter dem Pseudonym Wilhelm Berg)! mit dem dritten Jahrtausend und schließt mit 
die Geschichte der Niederländischen Literatur von der Mitte des zweiten. Dies Resultat verdankt 
Jonckbloet übersetzt hat und der unstreitig derj man der (bereits von einem Geistesverwandten 
Löwenantheil andern vorliegenden, fast900Seiten ! des Vers. gewonnenen) Erkenntniß, daß das 
starken Bande gehört, besitzt in der That eine ^Griechische sich aus dem Scythischen entwickelt 
umfassende Belesenheit und schöpft überall aus hat: da nun aber Keltisch ebenfalls Scythisch 
den Quellen, mag sie auch da, wo sprachliche und ist, bietet das Irische ein Haupthülfsmittel zum 
philologische Fragen eintreten, zuweilen Un- Verständniß des Homer. Selbst nach diesen 
,sicherhcit an den'Tag legen. Freilich wirkt die Prämissen wirkt noch Manches, was in der Schrift 
Fülle der Namen und Büchertitel, die Masse der vorkommt, verblüffend (z. B. daß Eumäos der 
Literatur über die Literatur, deren Besprechung Begründer einer astronomischen Station aus 
etwas bequem und nachlässig in den Text ver- Gomera war). Liebhabern literarischer Curiosi- 
woben wird, oft geradezu verwirrend, und wir täten kann also dieses Buch bestens empfohlen 
werden. 
yn. Sammlung ausgewählter Biogra- 
Lyrik und die lyrischen Partien im EpoS und 
Drama allzusehr bevorzugen, während der Roman 
und der Kern des Dramas unberücksichtigt 
bleiben. Aber auch sonst ist die Bertheilung etwas 
ungleichmäßig, und nach dem mit großer Wärme 
geschriebenen und mit Nebersetzungeu reich aus 
gestatteten Capitel über Vondel haben wir im 
folgenden ein paar charakteristische Proben aus 
Cats, der doch eine eminent holländische Erscheinung 
genannt werden muß, wirklich vermißt, 
y n. Die Mythen- und Sagen-Kreise im 
Homerischen Schiffer-Epos, genannt 
Odyssee, desgleichen der Ilias, wie auch der 
Argonautensage, zeitgeschichtlich, naturwissen 
schaftlich und sprachlich beurtheilt und er 
läutert von Fr. Soltau. Berlin, I.A. Star- 
gardt. 1687. 
Wer etwa glaubte, daß gewisse Auslegungen 
der Odyssee, namentlich die Krichenbauer's (nach 
welchem sie eine Nmschiffnng Afrika's enthält) an 
Verkehrtheit nicht überboten werden können, wird 
hier eines Andern belehrt. Nach dem Verfasser 
sind in der Odyssee zwei Schauplätze örtlich und 
zeitlich auseinanderzuhalten. Die Handlung des 
ersten auf dem südindischen Ocean bis zum Süd 
polarlande sich erstreckenden, reicht vom siebenten 
Jahrtausend vor Christus bis zum Anfang des 
dritten; die des zweiten (Ostseite des Mittel- 
möchtcn der gelehrten Verfasserin die wohlge 
meinte Frage vorlegen, ob sie mit einer so um 
fänglichen und sich oft im Detail verlierenden 
Darstellung wirklich den rechten Weg betreten 
hat, ihren ehrlichen und warmen Enthusiasmus 
für die Sprache, Dichtung und Wissenschaft des 
stammverwandten Nachbarvolkes auch weiteren 
Kreisen zu vermitteln. Unserer Meinung nach 
dürfte sich z. B. in einem Werke von den Ab 
sichten des ihrigen die Geschichte und Charak 
teristik der altniederländischen Dichtung in einem 
einzigen Capitel abthun lassen: ein deutscher 
Literarhistoriker würde es kaun: riskireu, die 
Literatur des deutschen Mittelalters seinen Lesern 
in solcher Vollständigkeit vorzuführen. Und da es 
der Verfasserin ganz gewiß nicht an sicherm Ge 
fühl für das poetisch Werthvolle und an histori 
schem Verständniß für die HLhenpuukte der Ent 
wicklung fehlt, so würde ihre Darstellung durch 
eine derartige Beschränkung entschieden gewonnen 
haben: so nimmt sie zuweilen die lose und be 
hagliche Form eines Literaturreferats an. 
Gegen die zahlreich eingeschalteten und meist 
phicn Vasari's. Zum Gebrauche bei Vor 
lesungen. Herausgegeben von Carl Frey. 
Berlin, Wilhelm Hertz. >884—1887. 
I. Vita di Donato, Scultore Fiorentino, 
scritta da Giorgio Vasari. 1884. 
II. Le Vite di Michelangelo Buonarroti, 
scritte da Giorgio Vasari e da Ascanio 
Condivi con aggiunte e note. 1887. 
III. Vita di Lorenzo Ghiberti, Scultore 
Fiorentino, scritta da Giorgio Vasari con i 
Commentarj di Lorenzo Ghiberti e con 
aggiunte e note. 1886. 
IV. Le Vite di Filippo Brunelleschi, Scul 
tore e Architetto Fiorentino, scritte da 
Giorgio Vasari e da Anonimo Autore con 
aggiunte, documenti e note. 1887 
Beim Studium der Neueren Kunstgeschichte 
sind zwei Wege einzuschlagen: entweder man hat die 
Absicht, sich für die Beamtenlaufbahn an öffentlichen 
Sammlungen auszubilden, oder man nimmt Kunst 
historie als eine der verschiedenen Wissenschaften, 
wohlgelungenen Üebersetzungsproben läßt sich die dem Historiker im Allgemeinen unentbehrlich 
der Einwurf erheben, daß sie naturgemäß die j sind. Der zukünftige Museumsbeamte wird gut
	        

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