Full text: Rezensionen von Herman Grimm in der Deutschen Rundschau (1881-1890)

Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 30 
ßyjf. l; lut in, ha vie et son oeuvre par 
Felix Ri bey re. Lettre - preface d’Ale 
xandre Dumas Fils, etc. Paris, Pion. 1884. 
Der eigentliche Name des „Caricaturisten" 
Cham war Amsdee Pointe de Noe. Als Comte 
de Noe war er der Sohn eines Pair von Frank 
reich, dessen Familie bis ins 13. Jahrhundert 
zurückgeht und mit dem er als guter Sohn im 
besten' Einvernehmen stand; als Cham gehörte 
er zu denen, die ein Vierteljahrhundert lang den 
Pariser Witz dirigiren halfen. 
Die Aufgabe eines richtigen Biographen wird 
unter allen Umständen die sein, seinen Helden 
auf eine Anzahl allgemein verständlicher Eigen 
schaften zu reduciren und diese dann mit viel 
Detail recht anschaulich zu machen. Mr. Felix 
Ribeyre gehörte zu Chams Kameradschaft und 
sah in ihm vor allen Dingen den liebenswür 
digen, gutmüthigen Freund, der alle Welt liebte, 
den alle Welt liebte und den, als er starb, alle 
Welt betrauerte. In diesem Sinne ist das Buch 
mit etwa 3 bis 4 Mal soviel Worten geschrieben, 
als nöthig waren, und würde nichts enthalten, 
dessen man sich nach der Leetüre noch erinnerte, 
hätte Alexander Dumas (der Jüngere natürlicher 
weise) nicht in Gestalt einer Vorrede einen Brief 
dazu geschrieben, der uns Cham interessanter und 
zugleich lebendiger erscheinen läßt als das Buch 
selber. Cham hatte gelegentlich eine Person ins 
Haus genoinmen, die er nach langem Zusammen 
leben zur legitimen Comtesse de Noe machte und 
die sich nach seinem Tode selber den Tod ge 
geben hat. Von dieser Frau handelt Dumas' 
Brief. Niemand wird ihn lesen ohne in gewissem 
Sinne erschüttert zu sein, wie man sich stets 
fühlen wird, wo ein Stück Menschendasein in ab 
soluter Wahrheit und Nacktheit uns entgegentritt. 
Offenbar wäre über die Kräfte des Vers. 
gegangen, das in seinem Buche zu geben, dessen 
es bedurft hätte, um Cham's historische Stellung 
zu präcisiren. Er besitzt eine. Die Caricaturen- 
Zeichnung der Franzosen hat ihre Geschichte, inner 
halb deren Cham ein bedeutendes Element ge 
wesen ist. Da er mit seinen englischen College» 
in Verbindung getreten war und sogar für Eng 
land gearbeitet hatte, so war gerade er geeignet, 
die Unterschiede in der Auffassung des Lächer 
lichen hier und dort zu markiren. Außerdem 
hätte der Inhalt dessen, was speciell er für 
lächerlich hielt und womit gerade er zum Lachen 
reizte, in Kategorien gebracht und gezeigt werden 
können, wo der Franzose zu lachen wünscht und 
wie er sich von den dazu angestellten Werkzeugen 
dazu bringen läßt. 
Cham war eine der Existenzen, die nur in 
den ganz großen Städten emporkommen, ihre 
Aufgabe ist, „den Tag dem Tage zu zeigen", 
und ihre vornehmste Qualität die Unerschöpf- 
lichkeit. Eine gute Caricatur muß wie ein tüch 
tiger Rippenstoß treffen, ohne zu beleidigen, ein 
Caricaturist muß von Allen gefürchtet, von Nie 
mand aber gehaßt werden, sein Charakter muß 
so sein, daß Jeder die innerste Ueberzeugung em 
pfängt, mit einem liebenswürdigen harmlosen 
Menschen in ihm zu thun zu haben. So läßt 
Ribeyre den armen Cham erscheinen, arm, weil 
er von Ansang an den Keim der Brustkrankheit 
in sich trug, der er den 6. September 1879 er 
legen ist. Das Buch schließt, wenn nicht mit 
einem Aufrufe, so doch mit der Andeutung, ihm 
ein Denkmal zu errichten.
	        

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