Full text: Rezensionen von Herman Grimm in der Deutschen Rundschau (1881-1890)

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 30 
156 Deutsche Rundschau. 
Märchenhafte Dinge von Kämpfen hören, 
Tapfrer und kühner und starker Krieger. Es wuchs 
In Burgund eine edle Jungfrau; so schön, 
Daß nichts Schöneres irgend zu finden war rc. 
Vergleichen wir das nun mit dem wörtlich übertragenen Urtexte: 
Uns ist in alten Sagen wunderviel gesagt 
Von Helden, ruhmwürdigen, von großer Kühnheit, 
Von Freude und Festen, von Weinen und Klagen; 
Von kühner Recken Streiten möget ihr nun Wunder sagen hören. 
Es erwuchs bei den Burgunden eine edle Jungfrau, 
In allen Landen mochte keine schönere fein rc. 
So empfinden wir die lebendigere Satzbildung des deutschen Gedichtes. 
Uns selbst heute ist die Sprache des zwölften bis dreizehnten Jahrhunderts ja 
nicht mehr vertraut. Auch wir also brauchen einen Dolmetscher und haben ihn in 
Karl Simrock gesunden, dessen classische Nibelungen-Uebersetzung jährlich jetzt eine neue 
Auslage ersährt. Da heißt es: 
Viel Wunderdinge melden die Mären alter Zeit 
Von Preiswerthen Helden, von großer Kühnheit, 
Von Freud' und Festlichkeiten, von Weinen und von Klagen, 
Von kühner Recken Streiten mögt ihr nun Wunder hören sagen. 
Es wuchs in Burgunden solch edel Mägdelein, 
Daß in allen Landen nichts schönres mochte sein rc. 
Das klingt alt und modern zugleich. Simrock hat den rechten Ton getroffen. 
Wir in Deutschland haben bei unseren Uebertragungen den Vortheil voraus, 
das moderne Deutsch dem Mittelhochdeutschen im Accente anbequemen zu dürfen. 
Somit wird, was wir bei uns an Uebersetzungen dieser Art produciren, den Be 
mühungen der Italiener immer voraus sein. Bringen wir dies gerechtermaßen aber 
in Anschlag, so fehlt der italienischen Uebertragung außerdem doch noch Etwas. Sie 
ist etwas monoton. Aus „großer Kühnheit" (oder wie der andere mittelhochdeutsche 
Text hat: „großer Arbeit") wird bei Pizzi „gagliaräe imprese"; offenbar aber enthält 
der Begriff „Kühnheit" mehr als bloß „kühne Unternehmungen" oder „Wagnisse", 
oder „Thaten", wie man impr686 nun übertragen will. „Uns wird gesagt" lautet 
herzlicher, voller, persönlicher als das bloße „si parla“. „Von Freude und Festen, 
von Weinen und Klagen" klingt, paarweise in einen Vers einander gegenübergestellt, 
inhaltreicher als: 
E di gioie e di festi, 6 di lamenti 
. e di pianti pur anco. 
Wozu das „pur anco“? Das 
Oh! voi dovrete 
Udir cose ridir meravigliose 
erschöpft zwar den Inhalt der entsprechenden deutschen Worte, aber in kahlen Worten. 
Noch leichter freilich machte es sich hier Gernezzi-, der die Wendung: „möget ihr nun 
sagen hören", mit „or vi dirö“, „jetzt werde ich euch sagen", übertrug. Der Grieche 
hätte vielleicht gesagt: „Wird die Muse euch nun sagen", und hätte dem bloßen 
„sagen" so einen idealen Zusatz gegeben. 
Wir gehen auf diese Einzelheiten nicht ein, um Pizzi's Uebertragung damit 
irgend etwas anzuhängen. Sie liest sich angenehm und fließend, entspricht sicherlich 
auch dem heutigen Stande der Sprache der italienischen Nation. Wir hatten viel 
mehr nur die Absicht, unseren Lesern zu zeigen, wo etwa anzuknüpfen sei, wenn sehr 
dankenswerthe Bemühungen dieser Art eindringender beurtheilt werden sollen. 
Wir wünschen Pizzi's festlich aussehenden beiden Bändchen viele und an 
dächtige Leser. 8. K; F.
	        
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