Full text: Rezensionen von Herman Grimm in der Deutschen Rundschau (1881-1890)

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 30 
Separat-Abzug aus der „Deutschen Rundschau". 10. Heft. Jahrg. 1890. 
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Die Nibelungen in italienischer Uebersetzung. 
I Nibelunghi. Poema Epico Germanico. Traduzioni in Versi Italiani di Italo Pizzi. 
Milano, Ulrico Hoepli. 
Zwei geschmackvoll eingebundene niedliche Bändchen, Diamantausgabe. Rothe Linien 
als Einfassung der einzelnen Seiten. Vorzügliches Papier. Reiner, scharfer Druck 
bei mäßiger Tiefe der Druckerschwärze. Für den Liebhaber. 
Die Nibelungen scheinen zu dergleichen herauszufordern. Zarncke - Hirzel's 
Ausgabe des Textes hat, bei völliger Einfachheit allerdings, etwas in ähnlicher Weise 
typographisch angenehm Wirkendes. 
Bei Zarncke nun auch erholen wir uns Rath über bereits vorhandene „italianisirte" 
Nibelungen. Die letzte, von Carlo Gernezzi stammende Uebertragung erschien 
(S. LXXXVIII der Einleitung zu Zarncke^s fünfter Auslage) 1847, und der Anfang 
lautet: , 
Per autichi racconti a noi la fama 
giunse d’armi, d’eroi, di audaci imprese, 
di cavalieri, e di feroci guerre. 
Portenti or vi dirö di feste e gioia, 
di sventura e di pianto. — Un di vivea 
nella Borgogna nobile donzella, 
di cui la piü leggiadra non fu vista. 
Die Italiener besitzen in Monti's Homer-Uebersetzung ein vorzügliches Modell 
für solche Uebertragungen. Eine Art poetischer Prosa mit anklingendem altflorentinischem 
Accente. Er legt eine gewisie Eleganz über die Verse, einen leise gefärbten, aber 
durchsichtigen Firniß, der dem Geschmacke der Italiener in der ersten Hälfte dieses 
Jahrhunderts zusagte. Heute dagegen verlangt man, scheint es, einen anderen Ton. 
Italo Pizzi hebt so an: 
Nelle antiche leggende a noi ben molte 
Cose si narran prodigiose, d’incliti 
Eroi si parla e di gagliarde imprese 
E di gioie e di feste e di lamenti 
E di pianti pur anco. Oh! voi dovrete 
Udir cose ridir meravigliose 
Di battaglie di prodi arditi e forti! 
In Borgogna crescea nobil donzella 
Tal, che cosa piü vaga in ogni loco 
Essere non potea. 
Wir sehen, wie der Verfasser hier weniger die althergebrachte toscanische Dichter 
sprache, als den unbefangenen Klang der italienischen prosaischen Diction zu erreichen 
sucht. Uebertrügen wir ohne Gedanken an das Original Gernezzi's Verse ins Deutsche, 
so würde folgendes, ein wenig prosaisch Klingende etwa sich bilden: 
Viel erzählen die alten Sagen uns 
Wunderbares von hoch berühmten Helden, 
Kühnen Thaten und Freude und Festen und Klagen 
Und von Thränen und Trauer auch. Ihr werdet
	        
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