Full text: Rezensionen von Herman Grimm in der Deutschen Rundschau (1881-1890)

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 30 
Literarische Rundschau. 75 
Carlylc s Jugendbriefe. 
Early Letters of Thomas Carlyle. Edited by Charles Eliot Norton. London, 
Macmillan and Co. 2 Vol. 1886. 
Carlyle gehört heute zu den Schriststellern in England, von denen jede Zeile 
interessant ist. Natürlicherweise treten dort nun Schriftstücke mancher Art ans Tages 
licht, bei deren Abfassung gewiß nicht geahnt wurde, daß Tausende einmal sie kennen 
lernen und aus ihnen Schlüsse auf die Umstände machen würden, unter denen sie 
entstanden. Die vorliegenden beiden Bände enthalten Briefe von 1814—1826, deren 
Inhalt, eine Anzahl Enthusiasten vielleicht ausgenommen, uns in Deutschland einst 
weilen gleichgültig sein dürfte. Selbst was von und über Goethe darin zu finden 
ist, gewährt nichts von Belang. Der geistige Zustand Carlyle's erscheint, Alles in 
Allem genommen, als ein trüber, es ist, als laste Etwas auf ihm und sähe er das 
Leben als eine schwierige Arbeit an. Im zweiten Theile tritt die Correspondenz mit 
seiner späteren Frau hervor, wie die Heirath mit ihr denn auch den Abschluß bildet. 
Mr. Norton hat hauptsächlich um dieser Verhältnisse willen die Briese herausgegeben. 
In der Vorrede zum ersten Theile wird dies in längerer Ausführung mitgetheilt. 
Mr. Froude hatte für sein, kürzlich auch in deutscher Uebersetzung erschienenes Buch 
„Thomas Carlyle: A History of the First Forty Years of his Life“ Carlyle's Brief- 
Wechsel mit Jane Welsh, seiner späteren Frau, benutzt, und zwar in einer Weise, 
welche Norton als „unjustifiable“ bezeichnet Int Appendix zum zweiten Theile spricht 
dieser sich noch härter gegen Froude aus. Wie weit das Alles begründet sei, würde sich 
vielleicht nur feststellen lassen, wenn man die gesammten hier einschlägigen gedruckten 
und ungcdruckten Briefschaften und Mannscripte einem genauen Studium unterwürfe, 
und auch dann, wie gesagt, nur vielleicht. Dem ersten Bande ist ein radirtes Porträt 
der Mutter Carlyle's, dem zweiten das seiner Frau beigegeben, gemalt von Kennest) 
Macleay im Jahre 1826. 
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Bei der zunehmenden Wichtigkeit, welche Carlyle gewinnt, lassen wir der obigen 
kurzen Besprechung eines deutschen Mitarbeiters eine zweite aus anterikanischer Feder 
folgen: 
Da das Leben Carlyle's von Froude jetzt in einer Uebersetzung verbreitet wird, 
kommt Norton's Sammlung der Jugendbriefe sehr gelegen. An und für sich haben die 
bis jetzt erschienenen Briese wenig, was unsere Aufmerksamkeit verdient. Carlyle's 
Geist entwickelte sich ziemlich spät. Diese Publication hat zumeist also nur 
literar-historischen Werth, und es gilt in erster Linie, die so arg behandelte Lebens 
geschichte des begabten Schotten ins wahre Licht ztt stellen. Schon aus diesen Jugend 
briefen geht hervor, mit welcher Sorglosigkeit, mit welcher Rücksichtslosigkeit der 
von Carlyle selbst beauftragte Biograph gewirthschaftet. Wie in vielen Beziehungen, 
so auch in Bezug auf seine Biographie hat Carlyle Unglück gehabt. Selbst die Auto 
biographie liefert keine zuverlässige Schilderung seines Charakters. Er schrieb sie zu 
einer Zeit nieder, als er seine ganze Vergangenheit mit den Augen seines gegenwärtigen 
Kummers ansah, und zu diesem Trübsinn kaut auch die charakteristisch gewordene 
Uebcllaunigkeit, die von lebenslänglichen körperlichen Leiden herrührte. Die Auto 
biographie wird dadurch düster gefärbt, und die geschilderten Erlebnisse sind eine 
Art Stimmungsbilder, die uns keine wahre Anschauung geben. Nun erhalten wir 
Beweise für das, was wir schon geahnt haben, daß nämlich der Biograph aus ebenso 
ungenügende und noch viel unverzeihlichere Weise seine Ausgabe gelöst habe als der 
Autobiograph selber. Bei den mannigfaltigen Irrthümern und Mißdeutungen Froude's 
kann man hier nicht ins Einzelne gehen. Genüge es, im Allgemeinen darauf hinzu 
weisen. Die wichtigste Eigenschaft eines Biographen fehlt Mr. Froude: er begreift den 
Menschen Carlyle nicht, er kann sich in seine Gemüthsart nicht hineinfinden, es fehlt
	        

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