Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über Erzählungen und Gedichte

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Wo man den Tag, die Nacht, in Kopf und Herz verwirrt, 
Das Leben weiter lebt, und zwecklos weiter irrt, 
Stets wechselnd, doch zuletzt das alte Lied nur singt, 
Und jede Ernte nichts als trockne Blätter bringt! — 
Wie hab' ich's all' durchlebt — wie hab' ich's durchgenossen, 
Wie ist zu Füßen mir der Strom vorbeigeflossen, 
So rauschend, so belebt, und doch für mein Gefühl 
Sein heller Wellenglanz so leer, so fremd, so kühl! — 
So zog, was mich berührt, all vorwärts — und ich blieb 
Am Ufer einsam stehn und sah, wohin es trieb. — 
Die Wolken sah' ich fern; auf blauen Bergen lag + 
Der Wald so lockend frisch, und sonnenhell der Tag. 
Doch wie ich mich gesehnt, es rief mich nichts, ich stand: 
Vereinsamt war mein Herz und leer war meine Hand. 
Da sah ich dich — Doch das erzähl' ich nicht; — was wir 
Einander uns gesagt, ist nicht für diese hier. 
Doch wie es uns beglückt — jetzt soll ein todter Schein, 
Du willst eö, lieber mir als volles Leben seyn? 
So treibst du mich von dir, so raubst du mir mich wieder, 
Wirfst mir den frischen Kran; von meinen Schultern nieder 
Und schiebst ein lügnerisch ersonnenes Gespenst 
Kalt zwischen mich und dich, indem du so uns trennst! — 
Ging' ich in Bauernschuh'n, und wär'S an deinem Arm, 
Warum nicht? schlüge mir das Herz da wen'ger warm? 
Schwieg' ich den langen Tag, wer wehrt mir das, im Stillen 
Mit dem Gedanken mich, du liebst mich, auszufüllen? 
Und käm' einst eine Zeit, wo ruhiger als jetzt 
Wir uns am WaldeLrand auf's sanfte Moos gesetzt 
Und uns kein Wort gesagt — soll das die Herzen scheiden? 
Ließ' uns dieß das Geschwätz der andern je beneiden, 
Die leer an Herz und Geist laut durch einander gehn 
Und eine Stille scheu'n, die sie nicht mehr verstehn? — 
Karl. Julje —A— • . , 
Baron. Sie sind versöhnt! Man kommt trotz alledem 
Im Winter in die Stadt und sieht sich da bequem! 
Der Frühling, Sommer und der ganze Herbst genügen, 
Den Freuden der Natur im Stillen obzuliegen! — 
Im Winter aber, wenn es harte Wege fror, 
Kommt man — Ich stelle euch mit Stolz bei Hofe vor! — 
Emma. Bravo, Baron! 
Baron (zu ihr allein). Und nun den Schwur ohne Versäumniß! 
Sie schweigen von dem Kuß? (Er nimmt ihre Hand und küßt sic.) 
^ m 111 Ein ewiges Geheimniß! 
Herman Grimm. 
Das Pariser Vesellschaslsleben. 
(Schluß.) 
Zum Theil dem Umstand, daß der Adel ssich aus 
der Gesellschaft zurückzog, zum Theil der Verbindung 
deö Gelehrtenstandeö mit den bürgerlichen Mittelständen 
hat man eö zuzuschreiben, daß nach der Julilrsrevolu- 
tion das gesellige Leben in den Schoos der Bourgeoisie 
sich flüchtete. Die angesehensten Lellte der Gesellschaft 
waren der Wähler und der Na ti onalg ardi st, um 
deren Gunst sich alle Welt, zumeist jedoch das neue 
Königthum riß. Es gab eine Zeit, wo die aus der 
französischen Culturgeschichte eine Weile provisorisch 
verschwundene B ä r e n m ü tz e die Stütze der Monarchie, 
der Stolz Frankreichs war. Nach dem Striche'des Bä 
renfelles organisirte sich wie der Staat, so auch die 
Gesellschaft. Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich ! 
Balzacs Romane eine unerschöpfliche Fundgrube zur 
richtigen Beurtheilung der socialen Zustände Frankreichs 
nenne, die ihren claflischen Werth auch dann noch be 
halten haben werden, wenn von den Eugen Sue und 
Dumas kein Mensch wehr spricht. Balzacs »la Gran- • 
deur et la Döcadencc de Mr. ßirauteau.« und *Sas 
er sonst an Sittenromanen geschrieben, enthält Äse''ei 
gentliche Quintessenz des von gesellschaftlichen Bedürf 
nissen gepeinigten Spießbürgerthums. So schneidend 
der Gegensatz, so jäh der Uebergang, so ist cs im 
Ganzen doch wahr, daß sobald die hochadeligen Salon 
thüren sich schlossen, der Krämer und Kleinbürger die 
seinigen zum erstenmal öffnete. 
Der E P i c i e r, diese unsagbare Menschengröße, die 
den Tag über am Ladentisch stand oder im Comptoir 
Geschäftsbriefe schrieb, mit einziger Ausnahme der 
Sonntage und der seltenen Werkeltage, an denen man 
in Nationalgardenuniform Schildwache stehen mußte, ist 
der unmittelbare Erbe der gesellschaftlichen Traditionen 
der Restaurationsperiode. Nicht als ob reichere und 
angesehenere Personen dem Vergnügen, Leute bei sich 
sehen, entsagt hätten; aber das Typische und Tonange 
bende des geselligen Verkehrs ging von den Kleinbür 
aus und nicht die Bildung und die Abstammung, 
fL™ das Capital und die amtliche Stellung genosie» 
d s Vorrecht, J» «"saugen/ Die adelige Gesell- 
Lf, batte sich mit einem male m e.ne burgerl.che 
irt) ,,, Man wild nicht umhin tonne», darin ci- 
verwan • . . . JU erblicke», als die Bildung, 
Z L?«. sicherst- Stütz- d-r F-°ih.'.. »ich. mehl
	        

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