essisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 26
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Emma (winkt ihr). Julie!
Julie. Ja, Kind.
Emma. Komm her.
(Sic erfaßt Julien« Hand und sagt gewichiig)
Karl reist ab!
Julie. Thut er das?
Emma. Und du rührst dich nicht mehr?
Julie. Wenn er will!
Emma. Und du läßst ihn reisen? leidest still,
Daß er so von dir geht?
Julie (die Hand losziehend). Mein Himmel, wenn er will?
Baron (kommt von der Gartenthür« her. an die er. während beide
sprachen, getreten war).
Ja, Herr von Mergelbach spannt au. Es klng zu nennen,;
Ist möglich kaum, es wird die Pferde schändlich brennen,
Denn schattig scheint der Weg nicht sehr.
Julie. Bis an den Wald;
Bon da ab ist es kühl, und er erreicht ihn bald.
Emma. (Wenn das wahr ist, wenn sie so Karl entläßt von hier,
Und nichts dagegen sagt, so breche ich mit ihr!
Sie mag mit dem Baron dann, wo sie hin will, gehn,
Ich aber, das steht fest, will sie nicht Wiedersehn!)
Karl (tritt eiu und geht auf Emma zu).
Darf ich mich, gnäd'ge Frau, empfehlen? Das Gespann
Ist an der Deichsel, und wenn ich jetzt fahren kann,
Bin ich bei Zeiten dort.
Emma. Karl, daß Sie gehn, ist mir
Ein Stich durch's Herz. Doch nun halt' ich Sie nicht mehr hier;
Jedoch in kurzem bin ich wieder ganz allein
Und hoffe Sie zu sehn? —
Karl. Es wird mich immer freu'n,
Wenn Sie so gütig sind, mich zu befehlen.
Emma. Dann
Besprechen wir, was ich hier kurz nicht sagen kann.
— Adieu. (Sie reicht ihm die Hand, die er küßt.)
Karl. Mein Fräulein, ich empfehle mich; es lag
Gewiß ... Leben Sie wohl.
Baron (auf ihn zugehend). Mein bester Mergelbach,
Adieu.
Karl. Möge Sie Gott für inlmer beide segnen —
Und Sie insonderheit — mir nienials mehr begegnen!
(Er will zur Saalthüre hinaus, als ein Spektakel hinter der Scene ent.
steht und der Bediente und das Kammermädchen zankend eintreten, wäh.
rend andere Domestiken die Thüre füllen.)
Emma. Was ist denn das?
Baron. Johann! — ? —
Johann. Sie lügt nur, Herr Baron.
Marie (heulend). Ich lüge nicht! Er lügt!
Johann. Sie tückische Person!
Es ist 'ne Lügnerei von Anfang bis zu Ende,
Und wenn ich nicht mit ihr hier vor der Herrschaft stände...
Baron. Still! — Was bedeutet das?
Marie. Sie Lügner erster Klaffe!
Wenn ich mir den Affront von ihm gefallen lasse,
Will ich kein Mädchen seyn von Reputation —
Denn der lügt wie gedruckt, wahrhaftig, Herr Baron!
Baron. Johann, was fiel hier vor?
Johann. O, die Person ist toll!
Sie will mit Einem Wort, daß ich sie nehmen soll.
Das heißt nicht, wie verdient, bei ihren beiden Ohren,
Vielmehr zu meiner Frau! Hab' ich den Kopf verloren?
Ein solches alterndes, verlognes Institut,
Das hier die kurze Zeit mich nichts als ärgern thut!
Mich nie in Frieden läßt und drauf verscffen ist,
Ich hätte sie verlangt und mit Gewalt geküßt!
Im Dunkeln — ha, ha, ha, das wär' zuerst zu glauben,
Wer wird am lichten Tag so etwas sich erlauben?
Man spie' acht Tage aus!
Baron. Johann!!
Nein, Herr, er lügt!
Er hat mich doch geküßt, wenn er auch widerspricht,
Und mich gefragt, ob ich die Seine werden wollte,
Und ich aus purer Angst, daß Lärm draus werden sollte,
Gezwungen, wie ich war, und schwach und hülflos, gab
Mein Jawort ihm daraus, und das lügt er jetzt ab?
Johann. Sie lügt!
Marie. Das wär' nicht wahr! Ich frage: Hat Er mir
Nicht oben auf dem Gang, nah an des Herren Thür,
Wo es so finster war, den Arm so vorgestreckt,
Daß ich dagegen stieß, und mich zu Tod erschreckt?
Hat Er inich nicht darauf versucht so umzufassen,
Und wie ich mich gewehrt, partout nicht loSgelaffen,
Und fünfmal mich geküßt, und dann so sauft gesprochen? . . .
Johann. Ich nicht!
Marie. Meint Er, ich hätt's am Barte nicht gerochen,
Der nach Poniade roch? So listig sind wir schon! —
Es ist ganz der Parfüm, als wie beim Herrn Baron,
Dem Er ihn heimlich nimmt!
Johann (znm Baron wüthend). Sie lügt!
Der Baron hält sich an einer Siuhllehne und ist allmählig in die trau.
*riaste Verfassung gerathen; er sagt sanft:
'S ist gut. (Die Knie
Sind mir wie ausgerenkt! Die Dummheit, Dummheit, die!)
Johann. Auf Ehre, Herr Baron, wenn die was andres thut,
Als lügen, soll mich Gott...!
Baron (ma.t). 'S ist gut, Johann, 's ist gut.
Marie 'heulend). Und ich, die er bewog und sitzen läßt!
' Geh sott,
Emma.
Ju's Zimmer da, Marie, sogleich! und warte dort.
Johann. Kann ich auch gehn? Ich kann auf mein honneur ver
sichern ...
Baron. Geh', geh'! — (winke ihm. — Johann und Marie ab.)
Emma (zum Baron tretend). Sah man jemals 'neu tollern, lächer
lichern
Auftritt? Und räthselhaft, wer ihr die Küffe gab? —
Lügt Ihr Bedienter oft?
Baron (völlig deprlmirt). Nein.
Julie. Und Marie ging ab
Mit dem Aplomb des Rechts.
Emma. Dergleichen zu erdichten,
Wär' wirklich allzustark. So werden die Geschichten
Von Geistern hier im Schloß am Ende wieder wahr.
Julie. Ein Geist, der fünfmal küßt, und unsre Marie gar! —
Baron, was?
Emma. Ja, und eins erhöht das Wunder noch,
Daß dieses Geistes Bart so höchst verdächtig roch!
Baron (ermannt sich und zieht Emma ganz in die Ecke linke, während
Karl und Zulle sich ignoriren).
Gnädigste Frau ... Mitleid! ... Wenn etwas zu Ohren
Der Stadt gelangt, bin ich verdorben und verloren!
Ein Mißgriff... Sie verstehn ... O, wenn man das erfährt,